Tantra und Neo-TantraTantra hat nichts mit Philosophie, also mit Intellekt zu tun. Tantra ist Technik, ist Methode, also Wissenschaft. Philo- sophie fragt nach dem Warum. Der Wissenschaft und somit auch dem Tantra geht es aber nicht um das Warum, sondern um das Wie. Es geht also nicht darum "warum" z.B. ein Auto fährt, son- dern wie man es fahren kann. Es geht nicht darum, warum es z.B. gut ist, das Ego zu transformieren, sondern wie uns das gelingt. Philosophie ist Verstandessache, der Kopf genügt, du brauchst deine Gesamtheit nicht dazu. Tantra fordert dich in deiner Gesamtheit. Es ist eine tiefere Herausforderung als alles was du kennst, du mußt dich mit Haut und Haaren darauf einlassen. Ein anderes Verständnis, eine andere Einstellung sind erforderlich, um es zu empfangen. Du kannst, so wie du bist, Philosophie verstehen, aber nicht Tantra. Es ist kein intellektuelles Konzept, sondern deine ganz persönliche Erfahrung. Auf den Punkt gebracht ist Tantra (wie Zen oder Yoga, die jedoch andere Wege gehen) eine Methode bzw. Technik, um ein höheres Bewußtsein zu erlangen. Was aber ist damit gemeint? Es geht um das Ego, also um unsere "Zwiebel". Das Ziel ist, das Ego zu transformieren, denn das Ego ist das, was uns so viel Leid beschert. Ohne Ego gibt es keine Dualität, keine Einteilung in gut und schlecht, keine Kriege, kein Neid und keine Eifersucht. Ohne Ego leben wir im Augenblick - wir sind dann frei, natürlich und bewußt. In Büchern und auf Websites findet man ganz unterschied- liche Ansichten über die Bedeutung des Begriffs Tantra. Da ist zu lesen von "Gewebe", von "heiligem Sex", von "Lebensphilosophie", von "Weg der Liebe", von "Vereini- gung mit dem Kosmos" etc. etc. Manchmal entsteht sogar der Eindruck, dass der Begriff für so ziemlich alles herhalten muss, was sich der Schreiber gerade davon erhofft. Oder anders ausgedrückt: im Tantra kann jede(r) finden, was er/sie sucht. Die meisten Interpretationen haben etwas mit Liebe oder Sexualität zu tun, ab und zu fällt der Begriff Neo-Tantra und Tantramassage. Eines ist jedenfalls sicher: es gab bei den alten Tantrikern keine Tantramassage und Sex war etwas so normales wie für uns das Zähneputzen. Deshalb ist in den alten Schriften nicht viel darüber zu lesen, für sie war Sex weder heilig noch unheilig, sondern "natürlich" - allenfalls könnte man sagen: "da alles heilig ist, ist auch Sex heilig". Es bildeten sich viele Zweige und Schulen, wobei vorwiegend die Anhänger des Vamacara Tantra (linkshändiger Weg des hinduistischen Tantra) sowie die tantrische Form des tibetischen Buddhismus die Sexualenergie als Katapult für ein höheres Bewusstsein nutzten. Das Neo-Tantra widmet sich ganz gezielt auch der Sexu- alität, weil sie in unserer Kultur alles andere als natürlich ist. Hier gilt es sogar ganz besonders den Hebel anzu- setzen, denn die Religionen haben ein Schlachtfeld hinter- lassen, explizit die Frauen sind die Leidtragenden. Das Neo -Tantra ist in vielen Dingen an unsere Zeit angepasst wie ein update, es ist verwoben mit unserer modernen Psycho- logie und Wissenschaft. Heute haben wir kulturell und gesellschaftlich ganz andere Bedingungen als vor Jahrtausenden, schon deshalb sind die Ansätze modifiziert, was natürlich Sinn macht.
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