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Tantra in seinem ursprünglichen Konzept ist (genau wie Zen oder Yoga) eine Wissenschaft des Bewusstseins, die spezi- elle Ideen, Übungen und Techniken benutzt. Es ist also kei- ne simple Lebens-Philosophie, wie man das so oft liest. Tantra setzt sich aus zwei Sanskrit-Worten zusammen. Der erste Teil ist "tanoti" und heißt ausdehnen. Der zweite ist "trayati" und heißt befreien. Tantra bedeutet Ausdehnung und Freisetzung - Ausdehnung des Bewußteins und Frei- setzung von Energie. Energie und Bewußtsein sind die Haupt -bestandteile jeder Lebensform. Damit Entwicklung stattfin- den kann, müssen Bewußtsein und Energie zusammen wir- ken, sich gegenseitig unterstützen. Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewußtseins. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifes- tation von Energie ist, die von Bewußtsein unterstützt wird. Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren Körper blicken, würden wir hinter dem "festen" Körper im Inneren den Atomkern als reine Energie erkennen (was die moder- ne Wissenschaft bestätigt hat). Darüber hinaus sagt Tantra: jede Materie ist verdichtete Energie und Bewußtsein! Yoga lehrt uns, daß es im Körper verschiedene Schichten von Bewußtsein und Energie gibt. Diese Schichten sind wie feinstoffliche Körper innerhalb des physischen Körpers. Wir alle kennen Milch. Aus Milch lässt sich Butter, Yoghurt und Käse machen, einfach dadurch daß Milch einen bestimmten Prozess durchläuft. Beim Betrachten der Milch lässt sich davon aber nichts sehen. Auch unser physischer Körper ent- hält unsichtbare Elemente. Der materielle Körper ist nichts als ein Behälter, innerhalb dessen sich der Energiekörper befindet. Es gibt auch noch den geistigen, den mentalen Körper. Die Erfahrung dieses Körpers ist Bewußtsein, und danach kommt die Erfahrung spiritueller Natur. Tantra versucht alle fünf Ebenen zu entwickeln: Materie, Energie, Geist, Bewußtsein und Spiritualität. Deshalb lautet die Definition von Tantra "Ausdehnung des Bewußtseins und Freisetzung von Energie". Im Laufe der Zeit sind spezielle Techniken entstanden, die diesen Prozess ermöglichen.
Tantra und YogaDie wichtigste tantrische Übung ist Yoga (Asanas), weitere Techniken sind das Mantra, Yantra und Mandala. Der mentale Aspekt ist das Mantra, damit wird der Geist frei vom Ego. Das Yantra gibt der Energie einen Rahmen, diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Shakti als Energie und Shiva als Bewußtsein bilden das Fundament von Tantra. Dieses Shiva/Shakti Prinzip wird auch das männlich/weib- liche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich ver- einigen, damit Erfüllung im Leben erfahrbar wird. Dieses Konzept wurde im Westen sehr wörtlich genommen und mißverstanden, die Vereinigung von Mann und Frau (also Sex) sei das zentrale Thema von Tantra. Es geht aber um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, also Bewusstsein und Energie. In der weitläufigen Vorstellung von Tantra geht es um die Maximierung des Vergnügens. Alles, was sonst verboten ist, ist in Tantra erlaubt. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit und befriedigt nur die Genussucht. Alle tantrischen Schriften sagen: akzeptiere das Leben, lehne nichts ab, doch bleibe hier nicht stehen. Es gilt zu erkennen, daß man das, was man als angenehm erlebt hat, immer wieder haben möchte. Das schafft eine Abhängigkeit, etwas, das einengt und das gilt es zu überwinden. Somit können alle Aktivitäten, die im menschlichen Leben normal sind, eine neue Bedeutung erhalten. Das gilt auch für Sex. Heute ist er die Grundlage für Lust und Fortpflanzung, mor- gen kann er zur Verfeinerung des Geistes dienen. Das Bemühen um Transzendenz, um Überwindung macht den Übenden zum Tantriker. Yoga (oder andere Meditationen) sind der erste Meilenstein auf dem Weg zu Tantra. Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist - es bringt beide in Harmonie, so dass körperliche und spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Ganz am Anfang des tantrischen Weges ist die Akzeptanz, dann erfolgt die Transzendenz. |