Tantra

Was ist das eigentlich? Wissenschaft, Philosophie, Massage, esoterischer Sex-Kult oder was?

Tantra ist populär, Tantra ist „in“. Viel wird darüber geschrieben, und noch mehr darüber geredet. Wenn man jedoch jemanden fragt, was er denn über Tantra weiß, dann bekommt man so viele verschiedene Antworten wie Personen, die man befragt. Für Viele ist Tantra identisch mit Tantra-Massage, für Andere wiederum geht es um ausgefallenen Sex, um exotische Stellungen oder eine Art spiritueller Swinger-Club. Manchmal hört man auch Begrifflichkeiten wie „Orgasmus mit dem Kosmos“, „heiliger Sex“ oder „universelle Liebe“.

Wir versuchen uns auf diesen Seiten einer Thematik zu nähern, für die das gesprochene oder geschriebene Wort nicht das richtige Werkzeug ist. Wo soll man anfangen bei einem Thema, das nicht mit dem Verstand und schon gar nicht mit Worten zu erfassen ist? Allenfalls kann man eine kleine Ahnung davon vermitteln. Wenn du gerade „in Eile“ bist, dann besuche diese Seiten lieber noch einmal, wenn du Zeit und Muße dazu hast.

Tantra als einheitlichen Begriff gibt es nicht.

Das wäre so, als wenn man über das Auto sprechen würde. Es haben sich viele Richtungen und Schulen entwickelt, die unterschiedliche Ansätze haben. Man kann sich das vorstellen wie einen Baum, der sich in unzählige Äste bis zur Spitze ausbreitet. Dies alles an dieser Stelle aufzuzählen würde den Rahmen sprengen. Wer mehr darüber lesen möchte, dem empfehlen wir einen Besuch bei Wikipedia, dort ist alles Wesentliche erfasst was historisch und literarisch dokumentiert ist. Entscheidend aber ist nicht das Ansammeln von theoretischem Wissen, sondern nur die eigene Praxis und Erfahrung.

Die Lehren wurden hauptsächlich von Lehrer/in zu Schüler/in vermittelt, deshalb gab es von Anfang an wenig Schriftliches. Darüber hinaus wurden die meisten überhaupt existierenden Texte vernichtet, als das Tantra als gefährlich für die herrschenden Institutionen eingestuft wurde. Gründlich „aufgeräumt“ haben die Briten bei der Kolonialisierung Indiens, wobei sich christliche Missionare wieder mal besonders emsig zeigten.

Seit den späten 1970-er Jahren hat sich das sogenannte Neo-Tantra entwickelt, ausgehend vom Osho Meditation Resort in Pune (Indien). Die wohl bekannteste Botschafterin des „modernen“ Tantra ist Margo Anand Naslednikov, die Gründerin der Sky-Dancing-Institute und Autorin vieler Sachbücher. Im gleichen Atemzug sind Diane Richardson und Andro zu nennen, der Gründer des ersten deutschen Tantra Instituts (Diamond Lotus) – sie alle waren Studenten von Osho. Das Neo-Tantra könnte man als ein Update des ursprünglichen Tantra ansehen. Es ist verwoben mit unserer modernen Wissenschaft und Psychologie und hat je nach Institut und Ausrichtung vorwiegend therapeutische Bedeutung.

Tantra ist Meditation.

Tantra ist das Leben im Augenblick, dem So-Sein. Tantra strebt nach höchstem Bewusstsein und Bewusstsein = Meditation.

Tantra ist Rebellion.

Tantra ist Rebellion gegen die alten Brahmanen-Kulte, Rebellion gegen Religion, Rebellion gegen die vorherrschende Meinung und das Establishment, Rebellion gegen Moral und Doktrin. Tantra rebelliert gegen alles Zwanghafte, gegen das Destruktive und Dumpfe. Das war zu allen Zeiten gefährlich, damals genauso wie heute. Es gab sogar Zeiten, in denen die Tantriker verfolgt wurden und sich in unzugängliche Regionen des Himalaya flüchten mussten.

Tantra ist Transformation.

Tantra ist Freiheit, ist Selbsterfahrung, Transformation, Liebe und Andacht. Tantra ist nichts Theoretisches, es ist keine Philosophie. Es hat nichts mit dem Kopf oder „Denken“ zu tun. Philosophie kann man mit dem Verstand erfassen, mit Begrifflichkeiten und Sprache, nicht aber Tantra. Philosophie fragt nach dem warum, Tantra interessiert nur das wie. Tantra ist kein intellektuelles Konzept, es ist die Erfahrung jedes einzelnen Individuums. Es geht weit über das Denken hinaus, es erfordert eine Veränderung, es braucht eine Transformation.

Tantra ist Perspektive.

Den heutigen Zustand der Welt könnte man folgendermaßen beschreiben: aggressiv, egoistisch, ausbeutend und hasserfüllt. An jeder Ecke zündelt und brennt es, die ganze Welt ist ein einziges Pulverfass. Dieser Zustand ist nicht mehr länger zu ertragen, denn die Welt steht vor einem Kollaps. Tantra ist eine Perspektive.

In der Evolution des Menschen ist etwas fast vollständig verloren gegangen: die Empathie, also Mitgefühl (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Empathie bedeutet, sich in Gefühle, Emotionen, Gedanken, Trauer und Schmerz, kurzum: in das ganze Wesen eines anderen Menschen hinein zu versetzen. Statt dessen dominieren Herrschaftswahn, Ausbeutung, Unterdrückung, emotionale Kälte.

Seit der Flower-Power-Zeit Ende der 1960-er Jahre breitet sich ein neues Bewusstsein aus auf diesem Planeten, und dieses Bewusstsein ist tantrisch. Tantra gehört die Zukunft, denn die bisherige dualistische Sicht vom Leben verliert allmählich ihre Macht über die menschliche Psyche. Eigenverantwortung, Bewusstsein, Akzeptanz und Toleranz sowie ein friedlich-soziales Miteinander bekommen für immer mehr Menschen eine zentrale Bedeutung.

Große, spirituelle Gemeinschaften wie das ZEGG bei Berlin, das Parimal bei Kassel, Tamera in Portugal, Findhorn in Schottland oder Auroville in Indien bekommen immer mehr Zulauf und ein Ende ist nicht abzusehen. Dem entgegen wirken Kräfte wie der aktuelle Terror-Wahnsinn im Nahen Osten, der sich wie ein riesiges Krebsgeschwür überall ausbreitet. Man kann nur hoffen, dass sich global gesehen schon genügend Bewusstsein „angesammelt“ hat, um dieser schrecklichen Energie entgegenzuwirken.

Die 5 Schlüssel des Tantra:

  1. Akzeptanz
  2. Einsicht
  3. Bewusstsein
  4. Sexualität
  5. Ego und Charakter


Der 1. Schlüssel: die Akzeptanz
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Das Grundlegende am Tantra – sein grundlegendes Verständnis – radikal, revolutionär und rebellisch – besteht darin, dass die Welt nicht in gut oder schlecht, oben oder unten gespalten, sondern aus einem Stück ist. Höheres und Niederes reichen sich die Hand. Das Höhere schließt das Niedere mit ein und das Niedere schließt das Höhere ein. Das Höhere ist im Niederen verborgen – deshalb darf das Niedere niemals verleugnet werden, darf es nicht verdammt werden. Das Niedere braucht nur umgewandelt werden.“ Osho, indischer Mystiker und spiritueller Lehrer.

Das bedeutet, dass es keine Dualität gibt: alles ist „gut“ und wird akzeptiert so wie es ist. Die Unterteilung in gut oder schlecht, Gott und Teufel, Himmel und Hölle, Dogma und Sünde hat die Menschheit mit Schuldgefühlen überladen und gelähmt. Es hat die Menschen regelrecht versklavt, es hat sie unglücklich und destruktiv gemacht. Die Dualisten haben alles vergiftet: den Sex, den Körper, Beziehungen, die Liebe, das Denken.

Tantra sagt: „Akzeptiere dich voll und ganz, akzeptiere deinen Körper, deine Sexualität, deine Sehnsüchte und Bedürfnisse. Akzeptiere dich als vollkommenes Wesen!“

Der 2. Schlüssel: die Einsicht.

Ein grundlegender Pfeiler des Tantra ist die Einsicht, dass ein denkender Geist ist ein irrender Geist ist. Das Denken ist nicht die Sprache, um mit der Existenz verbunden zu sein, im Gegenteil – es hindert uns daran. Gedanken schneiden uns ab von der Wirklichkeit, sie bilden eine Barriere.

Wenn wir ständig mit Denken, Grübeln, Analysieren, Interpretieren und Philosophieren beschäftigt sind, dann entfernen wir uns von der Existenz. Je mehr Gedanken wir haben, desto schwerer ist es, einen klaren Blick zu haben. Denken ist Vergangenheit oder Zukunft. Im Umgang mit der Wirklichkeit sind Gedanken und Worte vollkommen sinnlos.

Der 3. Schlüssel: Bewusstsein – Kommunikation und Kommunion mit dem Sein.

Tantra sagt: Werde bewusst und lerne die Sprache des Bewusstseins, denn Bewusst-Sein ist nicht belastet mit Vergangenheit. Es ist das Leben in der Gegenwart, im Augenblick, es ist die Kommunion mit der Existenz. Dann wird Alles und Jedes mit Spontanität, Kreativität, Lust und Freude erfüllt und die Lebensenergie kann sich entfalten. Der Schlüssel dazu ist Meditation.

Jede Handlung, die aus einer großen Bewusstheit kommt, wird achtsam und respektvoll sein. Bewusst lebende und handelnde Menschen sind friedvoll und ausgeglichen, sie werden niemals anderen Menschen einen Schaden zufügen wollen.

Der 4. Schlüssel: die Sexualität.

Sex ist genauso „heilig“ wie Samadhi oder das Paradies. Niederes und Höheres sind Teil der Evolution. Die erste Sprosse gehört zur selben Leiter wie die höchste Sprosse. Wenn wir die niedrigste Sprosse nicht nehmen, können wir auch die höchste nicht erreichen. Oder anders ausgedrückt: du kannst dein Haus nicht am Dach beginnen zu bauen, du brauchst ein stabiles Fundament.

Die Sexualität ist die elementare Grund-Energie, durch die und mit der wir geboren wurden. Die Sexualenergie ist das Fundament von ALLEM – es ist unsere Lebensenergie. Sie ist weder gut noch schlecht, sie ist einfach nur natürlich. Wenn sie nicht frei fließen kann, dann kommt es zu Blockaden körperlicher und vor allen Dingen psychischer Art. Bei den meisten Menschen bleibt diese Energie bereits im ersten Chakra stecken – wie soll sie dann natürlich fließen können? Also sucht sie sich andere Kanäle. Der Mensch wird unzufrieden und aggressiv, er strebt nach materiellem Erfolg oder Macht.

Tantra sagt: Lerne die Sprache des Orgasmus! Lass die Sexual-Energie fließen wann immer du magst. Im Liebesakt mit einer Frau / einem Mann geschieht etwas Außergewöhnliches. Für ein paar Sekunden sind wir aus dem Kopf heraus, auf einen Schlag sind wir vom Denken abgekoppelt. Versuche einmal, während eines Orgasmus einen Gedanken zu formulieren – es geht nicht, stimmt´s? In diesem Augenblick sind wir wieder im Kontakt mit dem Ganzen, mit der Schöpfung. In diesem Augenblick gibt es nicht mehr ich oder du, es gibt nur noch Einheit und Eins-Sein, die Dualität ist aufgehoben.

Dies ist die Sprache des wahren Seins, dies ist die Sprache um mit der Existenz zu kommunizieren. Diese Momente sind Nicht-Denken, No-Mind, Meditation – erste Kostproben von der Ewigkeit, ein Schimmer des Göttlichen. Es ist die Sprache der LIEBE, aber wir haben diese Sprache verlernt.

Tantra sagt: Lerne die Sprache der Liebe! Es ist die Sprache der gemeinsamen Präsenz, die Sprache des Herzens, unserer innersten Wahrheit. Wir haben uns eine künstliche Sprache zugelegt, eine Fremdsprache. Diese Sprache dominiert uns, es ist die Sprache der Worte. Sie ist zweckmäßig für den Alltag, wenn es aber um höhere Ebenen des Bewusstseins geht, ist diese Sprache nicht zu gebrauchen.

Der 5. Schlüssel: Das Ego oder der „Charakter“.

Charakter bedeutet, eine starre Struktur zu haben; Charakter bedeutet Vergangenheit und eine bestimmte aufgepfropfte Disziplin. Charakter bedeutet, dass du nicht mehr frei bist, dass du nicht spontan bist und dass du nur bestimmte Regeln der Gesellschaft befolgst. Der Charakter bzw. das Ego ist unsere Programmierung.

Tantra sagt: befreie dich vom Ego, lass deinen Charakter fallen, brich deinen Panzer auf, sei flexibel und spontan und lebe von Augenblick zu Augenblick. Damit ist nicht etwa Zügellosigkeit oder Verantwortungslosigkeit gemeint, sondern ein Mehr an Verantwortung, denn es bedeutet mehr Bewusstheit. Das ist die Freiheit, die Tantra meint!

Fortsetzung Die Tantrische Vision