Das Ego.

Charakter, Identität und „ICH“.

Das Ego ist, präzise ausgedrückt, unsere Programmierung bzw. unser Charakter und hat nichts mit unserem wahren Selbst zu tun. Als leeres Blatt betraten wir diese Welt, wir hatten ein authentisches Selbst. Als Kinder waren wir lebendig, spontan und kreativ und konnten das Leben in vollen Zügen genießen, so lange man uns in Ruhe ließ. Seit unserer Geburt wird dieses Blatt voll geschrieben von den Eltern, Geschwistern, Lehrern, Nachbarn, Verwandten, Arbeitskollegen, Arbeitgebern, Politikern, Freunden, Lebenspartnern, Religionen, Zeitungen, Büchern, Filmen und allen Menschen, denen wir jemals begegnet sind.

Daraus wird allmählich eine Bedienungsanleitung zur Funktionalität innerhalb der Gesellschaft, die jedes Jahr immer dicker wird. Ja, wir funktionieren – aber leider meistens so, wie andere es von uns erwarten oder wie wir glauben dass andere es so erwarten. Genauer betrachtet sind wir nur Verhaltensmuster, vereinheitlicht und angepasst! Wir haben einen Panzer bekommen, der uns erstarren lässt und uns den Raum für Spontaneität, Kreativität und ein waches Bewusstsein genommen hat.

Auch unsere Sinne sind abgestumpft – wir sind vom wahren Leben total abgeschnitten, weil wir nur „im Kopf“ sind. Die seltenen glücklichen Momente sind zeitlich sehr begrenzt, sie sind reduziert auf materielle Dinge oder auf einen Menschen, der uns glücklich machen soll wie z.B. der Lebenspartner. Aber wehe, wenn er nicht richtig funktioniert nach unseren Vorstellungen!

Die eigene Meinung.

Das Ego beurteilt ständig, ob etwas gut oder schlecht ist, ob es gerade „in sein Schema passt“. Dabei vergleicht es stets, was es einmal gehört, gelesen, gelernt oder selber erfahren hat. Dazu kommen noch „die äusseren Umstände“ und „subjektive Befindlichkeiten“. „Gut“ oder „Schlecht“ sind nichts anderes als zeitlich begrenzte Bewertungen, sie bilden die Summe aus vielen Faktoren zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt. Gut oder schlecht sind also äußerst labil – was heute „gut“ ist kann morgen ganz „schlecht“ sein, weil sich die Umstände geändert haben. Die eigene Meinung ist nur ein Abbild dieser zeitlich begrenzten Bewertungen.

Eckhart Tolle – ein bekannter spiritueller Lehrer der Neuzeit – hat das Ego in einem seiner Bücher sehr anschaulich beschrieben:

„Das Ego besteht vollkommen aus Vergangenheit – es ist ein trügerisches Identitätsgefühl, das sich in dem Wort ICH manifestiert hat. Albert Einstein bezeichnete es als die „optische Täuschung des Bewusstseins“. Dieses Ich beginnt mit einem Wortlaut: das Kind bekommt einen Namen und damit nimmt die Indentifikation ihren Lauf, der Name ist der Anfang der Illusion. Im Folgenden entstehen weitere Identifikationen: MIR und MEIN – die Identifikationen mit den Dingen oder besser: „was diese Dinge repräsentieren“. Dinge werden zum Teil der Ich-Identität, aus einem Spielzeug wird später ein Auto, ein Haus etc. Diese Dinge fügen dem Ich etwas hinzu, wie es sich selbst sieht oder von Anderen gesehen wird und somit eine Aufwertung erfährt. Dinge sind also nichts anderes als Identitäts-Verstärker.

Die Ich-Identiät geht weiter: die Identifikation mit dem Geschlecht, mit Rasse, Nationalität, Beruf, Religion. Die religiöse Identifikation ist die tiefgreifendste aller Identitäten und beschert der Menschheit das meiste Leid. Hinzu kommen die Rollen als Mutter, Vater, Ehefrau und -mann, mit erworbenem Wissen, Meinungen, mit Vorlieben und Abneigungen, aber auch mit Dingen, die „mir“ in der Vergangenheit widerfahren sind und an die ich „mich“ erinnere, so dass ein gedankliches Konstrukt von „Ich-und-meine-Geschichte“ entsteht. Ein Identitätsgefühl also, das nur lose zusammen gehalten wird dadurch, dass sie dem Ich-Gefühl zugeordnet wurde. Dieses mentale Konstrukt meinen wir meistens, wenn wir Ich sagen. Dazu kommt, daß sich die meisten Menschen mit dem Gedanken-Strom identifizieren, der unaufhörlich durch ihren Kopf jagt.“

In dem Moment jedoch, in dem Du erkennst, daß Du nicht „der Denker“ bist, identifizierst Du Dich nach und nach nicht mehr mit dem Ego. Jedes mal, wenn Du den Denker und sein Wirken ertappst wird das Ego ein Stück kleiner. Dann beginnst Du bewusst zu werden, zu erwachen – und dein ganzes Wesen wird sich ändern.