Tantra und Yoga

Tantra in seinem ursprünglichen Konzept ist (genau wie Zen oder Yoga) eine Wissenschaft des Bewusstseins, die spezielle Ideen, Übungen und Techniken benutzt. Es ist also keine simple Lebens-Philosophie, wie man das so oft liest. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Tantra kommt aus dem Sanskrit, eine Alt-Indische Schrift. Es gibt viele Übersetzungen für das Wort Tantra. Übersetzungs- und Interpretationsfehler der ersten westlichen Übersetzer haben sich bis heute hartnäckig in Büchern und im Internet gehalten. Einer, der es wissen müsste, ist Satyananda Saraswati, ein bekannter indischer Yoga- und Tantralehrer der Neuzeit. Er hat Sanskrit studiert und sagt:

„Tantra setzt sich aus zwei Worten zusammen. Der erste Teil ist tanoti und heißt ausdehnen. Der zweite ist trayati und heißt befreien. Tantra bedeutet Ausdehnung und Freisetzung – Ausdehnung des Bewussteins und Freisetzung von Energie. Energie und Bewusstsein sind die Hauptbestandteile jeder Lebensform. Damit Entwicklung – Evolution – stattfinden kann, müssen Bewusstsein und Energie zusammen wirken, sich gegenseitig unterstützen.

Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewusstseins. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifestation von Energie ist, die von Bewusstsein unterstützt wird. Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren Körper blicken, würden wir hinter dem festen Körper im Inneren den Atomkern als reine Energie erkennen (was die moderne Wissenschaft bestätigt hat). Darüber hinaus sagt Tantra: jede Materie ist verdichtete Energie und Bewusstsein!

Yoga lehrt uns, daß es im Körper verschiedene Schichten von Bewußtsein und Energie gibt. Diese Schichten sind wie feinstoffliche Körper innerhalb des physischen Körpers. Wir alle kennen Milch. Aus Milch lässt sich Butter, Yoghurt und Käse machen, einfach dadurch daß Milch einen bestimmten Prozess durchläuft. Beim Betrachten der Milch lässt sich davon aber nichts sehen. Auch unser physischer Körper enthält unsichtbare Elemente. Der materielle Körper ist nichts als ein Behälter, innerhalb dessen sich der Energiekörper befindet. Es gibt auch noch den geistigen, den mentalen Körper. Die Erfahrung dieses Körpers ist Bewusstsein, und danach kommt die Erfahrung spiritueller Natur.“

Wichtige tantrische Übungen kommen aus dem Yoga (Hatha Yoga → die Asanas, Pranayama und das sogenannte Tantra-Yoga), weitere Techniken sind das Mantra, Yantra und Mandala. Der mentale Aspekt ist das Mantra. Das Yantra gibt der Energie einen Rahmen, diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Shakti als Energie und Shiva als Bewusstsein bilden das Fundament von Tantra.

Dieses Shiva/Shakti Prinzip wird auch das männlich/weibliche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, damit Erfüllung im Leben erfahrbar wird. Dieses Konzept wurde im Westen sehr wörtlich genommen und mißverstanden, die Vereinigung von Mann und Frau (also Sex) sei das zentrale Thema von Tantra. Es geht aber primär um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, also Bewusstsein und Energie.

In der weitläufigen Vorstellung von Tantra geht es um die Maximierung des Vergnügens. Alles, was sonst verboten ist, ist in Tantra erlaubt. Dies ist aber nur ein Teil der Wahrheit und befriedigt nur die Genussucht. Alle tantrischen Schriften sagen: akzeptiere das Leben, lehne nichts ab, doch bleibe hier nicht stehen. Es gilt zu erkennen, daß man das, was man als angenehm erlebt hat, immer wieder haben möchte. Das schafft eine Abhängigkeit, etwas, das einengt und das gilt es zu überwinden. Somit können alle Aktivitäten, die im menschlichen Leben normal sind, eine neue Bedeutung erhalten. Das gilt auch für Sex. Heute ist er die Grundlage für Lust und Fortpflanzung, morgen kann er zur Verfeinerung des Geistes dienen. Das Bemühen um Transzendenz, um Überwindung macht den Übenden zum Tantriker.

Unterschiede von Yoga und Tantra.

Grundsätzlich verfolgen beide das gleiche Ziel, nämlich das Reduzieren von Leid (Moksha), bis ein dauerhafter Zustand von Leichtigkeit und Glückseligkeit (Satchidananda) erreicht wird. Wie dieser Zustand erreicht werden kann, darin unterscheiden sich beide konträr in ihren Wegen. Wenn man es auf den Punkt bringen möchte, dann könnte man sagen, dass Yoga der Weg des Kampfes und der Disziplin ist, nämlich des Kampfes gegen sich selbst. „Du musst kämpfen, du musst dich disziplinieren und alles Schlechte unterdrücken, damit du das wirst was du sein könntest.“

Viele beginnen mit Yoga und versuchen, über Nacht „Heilige“ zu werden. Sie sprechen über Sittenlehren, Ideale und Asketentum, verurteilen unsere Sexualität und alles Andere. Das ist gleichbedeutend mit der Kritik an der Schöpfung selbst, der Verneinung des Lebens schlechthin. Wie soll das auf Dauer funktionieren? Das Leben muss als Ganzes akzeptiert werden und nicht nur Teile davon, sonst wirst du gespalten und machst z.B. Yoga zu einer Pseudo-Religion.

Tantra geht den Weg genau entgegengesetzt: den Weg der Akzeptanz – es gibt gar nichts zu bekämpfen. Das tantrische Prinzip ist sehr einfach: “Wirke nicht gewaltsam auf die Muster deines Lebens ein. Diszipliniere dich nicht mit einem Panzer aus Moral und Dogmen, sonst wird aus deiner Disziplin eine Fessel. Akzeptiere dich so, wie du bist.” Es ist ein tiefes Ja-Sagen zum Leben.

Die einzige tantrische Disziplin (wenn man es denn so nennen möchte) ist Bewusstheit: „Bringe Bewusstheit in dein Leben. Alles, was du tust muss aus einer großen Bewusstheit kommen, dann ist alles gut“.