Das Yoniversum

1. Der weibliche Kollektiv-Schmerz.

Es ist viel Schlimmes passiert in der Vergangenheit. In vielen Frauen haben sich über ganze Generationen hinweg enorme Verletzungen bis in die Gene verfestigt. Dieser Schmerz bzw. die „Erinnerung“ daran ist seit Jahrtausenden Bestandteil der weiblichen Geschichte und hat tiefe Narben im weiblichen Kollektiv hinterlassen.

Mayonna A. Bliss – die Mitinitiatorin des Frauenkongresses – beschreibt dies sehr treffend:

Der kollektive Schmerz ist die Summe des Schmerzes, den Frauen im Laufe der Geschichte erfahren haben. Die millionenfach wiederholte Verletzung des Schoßraumes hat sich als Erfahrung in unsere Zellen eingebrannt und wird unbewusst von Mutter zu Tochter zu Tochter weitergegeben. Wir tragen das Erbe der Frauen vor uns in uns. Und wir sind ebenfalls Teil des weiblichen Kollektivs zu dieser Zeit.

Wenn wir alle „ein Sein“ sind, dann können wir auch den Schmerz der Frau fühlen, die auf der anderen Seite des Globus vergewaltigt oder verstümmelt wird. Je tiefer ich in meinen Schoßraum als Zentrum des weiblichen Seins hinein fühle, umso tiefer komme ich in Kontakt mit dem weiblichen Kollektiv. Nicht nur der kollektive Schmerz wird dann fühlbar, auch an altes Frauenwissen können wir uns hier wiedererinnern.

2. Was ist passiert?

Um 4000 v.Chr. tauchte das Phänomen des Patriarchats auf, das ist die Herrschaft des Mannes über die Frau. In beinahe allen Gesellschaften Europas, des Nahen- und Mittleren Ostens sowie Asiens war der soziale Status einer Frau nur unwesentlich höher als der eines Sklaven. Die Teilhabe an Politik, Religion und der Einfluss auf das kulturelle Leben wurde ihnen versagt. Sie galten allgemein als unfähig dazu – im Werk des Philosophen Arthur Schopenhauer liest sich das so: „Zu Pflegerinnen und Erzieherinnen unserer ersten Kindheit eignen sich die Weiber gerade dadurch, daß sie selber kindisch, läppisch und kurzsichtig, mit Einem Worte Zeit Lebens große Kinder sind, eine Art Mittelstufe zwischen dem Kinde und dem Manne, als welcher der eigentliche Mensch ist“.

Frauen wurde nicht gestattet, eigenes Vermögen zu besitzen und sie selber wurden als Besitzgegenstände eingestuft. Geldverleiher und Steuereintreiber durften Frauen „konfiszieren“ und nach gutdünken verwenden. In Assyrien beispielsweise war für Vergewaltigung eine „Strafe“ ausgesetzt: sie bestand darin, dass die Ehefrau eines Vergewaltigers dem Ehemann des Opfers übergeben wurde – zum Umgang nach Belieben…

Zu den grausigsten Bräuchen zählt der sog. rituelle Witwen-Mord, wobei eine Frau kurz nach dem Tod des Ehemanns umgebracht wurde oder Selbstmord beging bzw. begehen musste. Dieses Ritual war bis ins 20. Jahrhundert in ganz Indien und China verbreitet und soll bis heute nicht restlos untergegangen sein. Die Witwe eines Brahmanen hatte „suttee“ zu begehen: sich selbst auf den Scheiterhaufen mit dem Leichnam ihres Gatten zu werfen – andernfalls wurde sie geworfen. Gemäß der hinduistischen Überlieferung wird eine Frau mit dem Tod ihres Mannes zu einem unvollständigen und sündigen Mischwesen, eine soziale Außenseiterin ohne Erlaubnis zur Wiederheirat.

In Europa und Nordamerika (abgesehen von orthodoxen Sekten) sind Frauen und Männer heute weitgehend gleichgestellt, andernorts dagegen führen die Frauen immer noch ein Sklavinnen-Dasein. In vielen Ländern, speziell des Nahen und Mittleren Ostens, leben Frauen abgeschlossen in eigenen Wohntrakten, die sie ausschließlich in Begleitung eines männlichen Verwandten verlassen dürfen. Hatte eine unverheiratete Frau Sex, kann es geschehen, dass ein männlicher Verwandter sie deswegen tötet, selbst wenn sie vergewaltigt wurde. In Saudi-Arabien müssen Frauen die „abaya“ tragen ein langes schwarzes, sie vollständig verhüllendes Gewand. Dazu gehört der „niqab“, der nur einen schmalen Sehschlitz freilässt. Eine Frau darf kein Auto fahren, auf Ehebruch steht immer noch die Steinigung, während einem Mann bis zu vier Frauen gleichzeitig gestattet sind.

Über diese institutionalisierte Unterdrückung hinaus waren Frauen ständig körperlicher Gewalt ausgesetzt, selbst in der heutigen Zeit und westlichen Kultur. Wissenschaftliche Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass in Skandinavien 30 Prozent der Ehefrauen unter häuslicher Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe leiden, in Deutschland ist jede 5. Frau davon betroffen.

In vielen Kulturen hatten Frauen für Ehebruch, vorehelichen Sex und Abtreibung die Todesstrafe zu fürchten. In China bestand lange die Tradition des Füße-Abbindens, eine schmerzhafte Deformation und Behinderung, die den Frauen winzige Schrittchen abnötigte. Diese unnatürliche Art des Laufens förderte die Muskelbildung in der Vagina und sollte für höhere Lust des Mannes beim Sexualakt sorgen. Das Schlagen von Ehefrauen war nicht nur üblich, sondern wurde gar als notwendig erachtet – galten Frauen doch als „emotionale, undisziplinierte Geschöpfe“, denen man mittels Gewalt die Selbstkontrolle beibringen musste, wie es ein Schüler des Konfuzius einmal formulierte.

Am offensichtlichsten zeigt sich der geringe Wert weiblichen Lebens beim Infantizit, das ist der Mord an neugeborenen Mädchen – eine bis vor wenigen Jahrhunderten auch in Europa noch weit verbreitete Praxis. Das Resultat davon ist das Verhältnis von 1 : 4 von Frauen und Männern in Indien, das die Ursache für die brutalen Massen-Vergewaltigungen ist, die seit geraumer Zeit immer mehr an die Öffentlichkeit dringen.

Die Beschneidung. Das grausamste Ritual ist die Genitalverstümmelung, hauptsächlich in Afrika, Jemen, Irak, Indonesien und Malysia. Die Beschneidungen werden an Mädchen und Frauen vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter vorgenommen, in den meisten Fällen vor Beginn oder während der Pubertät. Die Bescheidung ist ein gesundheitsschädigender und irreparabler Eingriff, der oft mit einer Glasscherbe oder einem stumpfen Messer erfolgt. Unmittelbar nach der Prozedur leiden die Mädchen unter qualvollen Schmerzen, Schock und starken Blutverlusten. Der Eingriff kann zu Blutvergiftungen und Infektionen wie Wundstarrkrampf, HIV oder Hepatitis führen, schwere körperliche sowie psychische Schäden verursachen und führt nicht selten zum Tod.

Bei dieser Prozedur wird die Klitoris entfernt und meistens auch die inneren und äußeren Venuslippen. Dies bedeutet eine Total-Entfernung aller äußeren Genitalien. Zum Schluss wird die Vagina zugenäht und nur ein kleines Loch für den Urinabfluss bleibt offen. Die Mädchen können sich danach tagelang nicht bewegen, nicht einmal sitzen ist dann möglich – zum einen, weil die Wunden verheilen müssen, zum anderen, weil die Schmerzen zu groß sind. Viele Kinder überleben die Genitalverstümmelung nicht. Weil die Vagina nach dem Zunähen nie gereinigt werden kann, kommt es zu weiteren Entzündungen, weil sich permanent Keime bilden und auch die Regelblutung nicht richtig abfliessen kann.

In der Hochzeitsnacht wird die Vagina vom Ehemann mit einem Messer o.ä. gewaltsam geöffnet und das ist dann der Beginn der nächsten Leidensgeschichte für die Frau.

Was steckt dahinter?

Zum einen soll die Jungfräulichkeit gesichert sein, der Hauptgrund liegt aber in der Kontrolle über die Frau sprich die weibliche Sexualität. Die totale Entfernung der äußeren Lustorgane soll die sexuelle Lust stark einschränken bzw. die betroffene Frau unfähig machen, einen Orgasmus zu erleben. Weiterhin macht sie den Sexualakt umständlich und schmerzhaft. Es soll verhindert werden, dass sich eine Ehefrau „aus purer Lust“ einem anderen Mann zuwendet, was einem Machtverlust des Ehemannes gleichkommt.

Die Hexenverfolgungen in Europa.

Die christlich-religiöse Hexenverfolgung bzw. Hexenverbrennung zwischen 1550 und 1650 n.u.Z. ist das Ereignis, das sich wohl am nachhaltigsten in die weibliche Genetik eingegraben hat. Grausamste Folterungen und Vergewaltigungen, bei denen sich nicht selten geistige „Würdenträger“ besonders emsig hervortaten, führten zum Tod von zehntausenden von Frauen in Europa innerhalb relativ kurzer Zeit. Darüber wurde auch noch akribisch Buch geführt von Seiten der katholischen Kirche. Ein kollektiver Schmerz, der so groß ist, dass er wohl für alle Zeiten unauslöschlich ist.

3. Das Yoniversum

Alte Wissenschaften wie Tantrismus und Taoismus sind von der globalen Verbundenheit aller Frauen über ihre eigene Yoni (= weibliche Genitalien) überzeugt – sie nennen es das Yoniversum. Die moderne Wissenschaft hat herausgefunden, dass auf energetischer Ebene Alles und Jedes miteinander verbunden ist. Wir können also davon ausgehen, dass die Tantriker recht haben und damit würde so manches rätselhafte „Problem“ erklärt werden können.

Es gibt viele Frauen, die keine Freude beim Sex haben und bei der Vereinigung mit ihrem Liebsten nichts empfinden – so als ob der ganze Schoßraum taub ist. Noch dramatischer ist es, wenn dabei sogar Angst und Schmerzen empfunden werden, obwohl es keinen körperlichen sprich medizinischen Grund oder eine Vorgeschichte in Form von Missbrauch gibt. Die Schulmedizin kommt hier nicht weiter und auch die klassische Psychotherapie stößt an ihre Grenzen. Der weibliche Kollektiv-Schmerz könnte eine Erklärung sein.

Yoniversum bedeutet aber auch, dass der Kollektiv-Schmerz gelindert bzw. aufgelöst werden kann, wenn immer mehr Frauen Lust und Freude mit ihrer Yoni empfinden. Sinnbildlich gießen sie nach und nach immer mehr Wein in das volle Faß und verdrängen gleichzeitig das Wasser.

4. Was können wir tun?

Heilung bzw. Linderung kann nur dort geschehen, wo die Wurzel des Übels ist: die Verletzung des weiblichen Schoßraums. Dort haben sich viele Wunden auf psychischer und energetischer Ebene manifestiert, die wir mit liebevollen, achtsamen Berührungen und Massagen nach und nach auflösen können.

Die Yonimassage ist ein probates Mittel dafür – sie ist uralt und kommt ursprünglich aus dem Taoismus. Mittlerweile wird sie immer häufiger auch in der modernen Sexual- und Psychotherapie eingesetzt.

Literatur: