Tantra, das Mysterium.

Tantra ist eine Wissenschaft des Bewusstseins, die spezielle Ideen, Übungen und Techniken benutzt. Es ist keine simple Lebensphilosophie, wie man das so oft hört und liest. Philosophie fragt nach dem WARUM, Tantra interessiert nur das WIE. Philosophie ist eine Frage des „Kopfes“, Tantra jedoch ist jenseits des Intellekts und mit dem Verstand alleine nicht zu begreifen. Tantra erfordert aktives Handeln – nur TUN führt zum SEIN und nicht bloß denken.

Theorie ist im Tantra völlig bedeutungslos, die eigene Erfahrung steht im Mittelpunkt und es fordert dich in deiner Gesamtheit… du musst dich real darauf einlassen, um diese Erfahrung überhaupt machen zu können. In der Philosophie bleibst du einfach nur derjenige, „der sich Gedanken macht“.

Indien, Tantra Tempel in Kajuraho

Reliefs am Tantra Tempel in Khajuraho, Indien

Die beiden Hauptlinien des Tantra sind das hinduistische (Indien) und das buddhistische Tantra (Tibet). Die Ursprünge des buddhistischen Tantra reichen zurück bis Gautama Buddha. Buddha brachte der Menschheit die Meditation, und Meditation strebt nach höchstem Bewusstsein. Somit ist klar, um was es auch im Tantra geht: um Bewusst-Zu-Sein.


„Tantra ist der spirituelle Weg der Liebe, der unsere Sexualität als Fundament hat, sie kultiviert und verfeinert.“ 


Tantra lässt sich nicht als einheitlichen Begriff definieren, dafür ist das Ganze viel zu komplex. Das wäre so, als wenn man über das Auto sprechen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich viele Strömungen entwickelt, die unterschiedliche Ansätze haben. Dabei spielte bei einigen tantrischen Linien die Sexualität eine fundamentale Rolle (rotes Tantra), bei anderen blieb sie außen vor (weißes Tantra). Das ursprüngliche, historische Tantra lässt sich aber nicht 1:1 auf den westlichen Menschen unserer Zeit übertragen, denn die kulturellen und spirituellen Gegensätze sind einfach zu groß. In den späten 1970-er Jahren hat sich das sogenannte ► Neo-Tantra entwickelt, das man als Update an die Anforderungen unseres Mensch-Seins und unserer Zeit sehen könnte und sich stetig immer weiter entwickelt.

Des Weiteren muss man nicht alles, was dem historischen Tantra zugerechnet wird, vorbehaltlos übernehmen oder als das einzig „richtige“ Tantra bezeichnen. Da wurden beispielsweise bei Ritualen auch Fäkalien verzehrt und Tiere getötet sowie Drogen konsumiert. Auf so mancher Begräbnisstätte wurde Nachts auf den Gebeinen von Toten getanzt als Ausdruck der Ablehnung von moralischen und religiösen Geboten der Hindus. Es lässt sich aus heutiger (und westlicher Sicht) nur schwer einschätzen, inwieweit solche Aktionen als „Transformations-Mittel“ wirklich notwendig waren oder einfach nur deshalb gemacht wurden, um die Menschen aufzurütteln oder Aufmerksamkeit zu erregen. Für unsere Zeit und unser Verständnis undenkbar! Es ist auch bekannt, dass der eine oder andere Tantrika die Siddhis dazu benutzte, um andere Menschen (oft sexuell) zu beherrschen.


„Es gilt, aus einem riesigen Haufen von abergläubischen Spekulationen und religiösem Geschwätz die Perlen herauszufinden, die tatsächlich etwas an Weisheit und Nachhaltigkeit zu bieten haben“ (Sugata W. Schneider, Herausgeber der Zeitschrift Tantra Connection).


Das gleiche gilt aber auch für das Neo-Tantra. Solche Perlen sind z.B. Das Buch der Geheimnisse (Übersetzung und Erläuterung aus dem „Vigyan Bhairav Tantra“) und Tantra, die Höchste Einsicht (Übersetzung und Interpretation „Der Gesang vom Mahamudra“ aus der Kommunion des Meisters Tilopa mit seinem Schüler Naropa, ein Klassiker der tantrisch/buddhistischen Literatur).


Bei der Übersetzung des Begriffes aus dem Sanskrit (der altindischen Sprache der Veden) bleibt viel Raum zur Interpretation. Leider haben sich auch einige Fehlinterpretationen durch die ersten Übersetzer bis heute hartnäckig gehalten. Lassen wir deshalb einen Mann zu Wort kommen, der ein Sanskrit-Experte und weltweit bekannter Tantra/Yoga-Lehrer ist: Satyananda Sarasvati.

„Tantra setzt sich aus zwei Sanskrit-Worten zusammen. Der erste Wortteil ist tanoti und heißt ausdehnen. Der zweite ist trayati und heißt befreien. Tantra bedeutet Ausdehnung und FreisetzungAusdehnung des Bewusstseins und Freisetzung von Energie. Energie und Bewusstsein sind die Hauptbestandteile jeder Lebensform. Damit Entwicklung stattfinden kann, müssen Bewusstsein und Energie zusammen wirken und sich unterstützen.“

Und weiter:

„Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewusstseins. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifestation von Energie ist, die von Bewusstsein unterstützt wird. Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren Körper blicken, würden wir hinter dem „festen“ Körper im Inneren den Atomkern als reine Energie erkennen. Darüber hinaus sagt Tantra: jede Materie ist verdichtete Energie und Bewusstsein!“


Tantra sagt:Shiva ist das Bewusstsein und Shakti ist die Energie. Beide müssen sich vereinigen und zusammen wirken, sich gegenseitig unterstützen, um wahre Erfüllung im Leben zu erfahren.“


Yoga lehrt uns, dass es im Körper verschiedene Schichten von Bewusstsein und Energie gibt. Diese Schichten sind wie feinstoffliche Körper innerhalb des physischen Körpers. Wir alle kennen Milch. Aus Milch lässt sich Butter, Yoghurt und Käse machen, einfach dadurch dass Milch einen bestimmten Prozess durchläuft. Beim Betrachten der Milch lässt sich davon aber nichts sehen. Auch unser physischer Körper enthält unsichtbare Elemente.

Der materielle Körper ist nichts als ein Behälter und innerhalb dessen befindet sich der Energiekörper. Es gibt auch noch den geistigen, den mentalen Körper. Die Erfahrung dieses Körpers ist das Bewusstsein, danach kommt die Erfahrung spiritueller Natur. Tantra versucht alle fünf Ebenen zu entwickeln: Materie, Energie, Geist, Bewusstsein und Spiritualität. Im Laufe der Zeit sind spezielle Techniken entstanden, die diesen Prozess unterstützen und ermöglichen.


Eine wichtige tantrische Übung im historischen Tantra ist Yoga (die Asanas, das Tantra Yoga), weitere Techniken sind das Mantra, Yantra und Mandala. Der mentale Aspekt ist das Mantra, damit wird der Geist frei vom Ego. Das Yantra gibt der Energie einen Rahmen, diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Shakti als Energie und Shiva als Bewusstsein bilden das Fundament von Tantra.

Dieses Shiva-Shakti Prinzip wird auch das männlich/weibliche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, damit Erfüllung im Leben erfahrbar wird. Dies wurde oft dahingehend interpretiert, dass Sex bzw. der Koitus das Hauptthema von Tantra sei. Es geht aber primär um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, also Bewusstsein und Energie. Einige tantrische Linien wie z.B. das Vamacara Tantra nutzen die Sexualenergie als meditatives Instrument und setzen diese Aspekte auch körperlich als Vereinigungsritual um, aber immer nur als sakraler Bestandteil einer Puja.

Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist – es bringt beide in Harmonie, so dass körperliche und spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Yoga, Zen oder andere Meditations-Systeme sind erste Meilensteine auf dem Weg zu Tantra. Anders ausgedrückt: dort, wo Yoga aufhört, geht Tantra den Weg einfach weiter.