Tantra

Reliefs an einem Tantra Tempel in Khajuraho, Indien

Tantra ist populär, Tantra ist „in“. Viel wird darüber geschrieben, und noch mehr darüber geredet. Wenn man jedoch jemanden fragt, was er denn über Tantra weiß, dann bekommt man so viele verschiedene Antworten wie Personen, die man befragt. Für Viele ist Tantra identisch mit Tantra-Massage, für Andere wiederum geht es um ausgefallenen Sex, um exotische Stellungen oder eine Art „spiritueller Swinger-Club“. Manchmal hört man auch Begrifflichkeiten wie „Orgasmus mit dem Kosmos“, „heiliger Sex“ oder „universale Liebe“. Banal ausgedrückt könnte im Tantra also vermeintlich jeder das finden, wonach er sucht.


Was ist Tantra wirklich?

Auf dieser Seite möchte ich aus wissenschaftlicher Sicht nur rudimentär darauf eingehen, ausführliche Infos über das hoch interessante spirituelle Weltbild findest du auf der Seite über den Tantrismus.

Tantra ist in erster Linie eine Wissenschaft des Bewusstseins und des Körpers. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich verschiedene Linien, Schulen und Konzepte entwickelt. Das ist vergleichbar mit einem Baum, der sich von den Wurzeln bis ganz nach oben in unzählige Äste aufteilt. Man kann zwei Hauptströme feststellen:

  • linkshändiges oder rotes Tantra (hinduistisch)
  • rechtshändiges oder weißes Tantra (buddhistisch)

Beide Linien erkennen die Sexualität als fundamentale Kraft an, und sie arbeiten konkret damit. Der Unterschied besteht darin, dass im roten Tantra der Sexualakt körperlich vollzogen wird, während er im weißen Tantra nur symbolisiert und und auf eine geistig-feinstoffliche Ebene sublimiert wird. Die Erklärung liegt auf der Hand: das weiße Tantra wird überwiegend von buddhistischen Mönchen praktiziert, der prominenteste Vertreter des tantrischen Buddhismus ist der Dalai Lama.

Die Lehren wurden im „Einzel-Coaching“ mündlich von einem Guru weiter gegeben, so dass es von Anfang an wenig Schriftliches darüber gab. Die meisten der Schriften wurden von einfallenden muslimischen Horden sowie von den Briten bei der Kolonisierung Indiens vernichtet. Übrig geblieben ist eine Sammlung der sogenannten Tantras, das sind hoch komplizierte Texte, die selbst von erfahrenen Wissenschaftlern nur durch eine sachkundige Interpretation eines „Eingeweihten“ verstanden werden können.

In den 1970-er Jahren hat sich das sogenannte Neo Tantra entwickelt. Das Neo Tantra kann als Update des ursprünglichen Tantra angesehen werden und entwickelt sich stetig weiter. Es ist mit der modernen Wissenschaft und Psychologie verwoben und hat in erster Linie eine sexual- und psychotherapeutische Bedeutung.


Tantra ist Perspektive

Den gegenwärtigen Zustand der Welt könnte man als aggressiv, egoistisch, kriegerisch und hasserfüllt beschreiben. In vielen Regionen zündelt es, die Umwelt steht vor dem Kollaps und die Welt ist eine tickende Zeitbombe. Dieser Zustand ist nicht mehr länger zu ertragen. Tantra ist die Perspektive.

In der Entwicklung der Menschheit ist etwas Wichtiges verloren gegangen: Empathie, also Mitgefühl (nicht zu verwechseln mit Mitleid). Empathie bedeutet, sich vollständig in die Gefühle, Emotionen, Gedanken und Befindlichkeiten eines anderen Menschen hinein zu versetzen. Anstatt dessen haben Machtstreben, Unterdrückung, Habgier und emotionale Kälte ihre Wurzeln geschlagen.

Seit der sog. Flower Power Zeit Ende der 1960-er Jahre hat sich auf der ganzen Welt ein neues Bewusstsein entwickelt – und dieses Bewusstsein ist tantrisch. Tantra ist die Zukunft, denn die vorherrschende dualistische Sichtweise des Lebens verliert langsam ihren Einfluss auf die menschliche Psyche. Verantwortung, Bewusstsein, Akzeptanz und Toleranz sowie ein friedlicher und sozialer Umgang bekommen für immer mehr Menschen eine zentrale Bedeutung.

Große spirituelle Gemeinschaften wie das ZEGG und das Parimal in Deutschland, Tamera in Portugal, Findhorn in Schottland oder Auroville in Indien entstehen überall und ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegensatz dazu gibt es den Terror Wahnsinn im Nahen Osten, der sich wie einen Krebsgeschwür verbreitet. Wir können nur hoffen, dass sich irgendwann global genug Bewusstsein angesammelt hat, um dieser schrecklichen Energie entgegenzuwirken.


Tantra ist Rebellion

Tantra ist auch immer eine politische Strömung gewesen, es rebelliert gegen die hinduistischen Brahmanen-Kulte und das Kasten-System, es ist Rebellion gegen Religion, Rebellion gegen die vorherrschende Meinung und das Establishment, Rebellion gegen Moral und Doktrin. Tantra rebelliert gegen alles Destruktive, gegen das Zwanghafte und Dumpfe. Das war zu allen Zeiten gefährlich, damals genauso wie heute!

                  Durga – Göttin der Vollkommenheit

Es gab Zeiten, da mussten sich die Tantriker in unzugängliche Regionen des Himalaya zurückziehen, weil sie verfolgt wurden. Das Patriarchat (das ist die Herrschaft des Mannes über die Frau), die einfallenden Moslems aus dem Westen sowie die indischen Brahmanen bekämpften das freiheitliche Gedankengut der Tantriker bis aufs Blut.

Radikal beendet wurde die Zeit des friedlichen und sinnlichen Verhältnisses der Geschlechter durch islamische Horden, die aus den asiatischen Hochebenen in Indien eindrangen. Sie zerstörten alles Tantrische so radikal, dass  die ehemals blühenden Zentren des Tantra heute noch nicht einmal geographisch auffindbar sind (bis auf ganz wenige Ausnahmen wie z.B. Khajuraho). Den Rest erledigten die prüden Briten bei der Kolonialisierung Indiens, die alle Texte vernichteten, die ihnen in die Hände fielen.

Tantra ist auch in der heutigen Zeit eine Art Rebellion, die aber still und friedlich verläuft. Tantra ist ein Tor, das dir einen Weg zu einem anderen Bewusstsein aufzeigen kann. Du musst diesen Weg aber selber beschreiten, und dieser Weg erfordert oft auch viel Mut und die Bereitschaft, etwas zu verändern.


Tantra ist Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis

Tantra ist Bewusstheit, ist Eigenverantwortung, ist Selbsterfahrung, Transformation, Liebe und Hingabe. Tantra ist nicht theoretisch, es ist keine Philosophie. Es hat nichts mit dem Kopf oder Denken zu tun. Philosophie kann mit dem Intellekt, mit Begrifflichkeiten und Sprache verstanden werden. Tantra ist jedoch ist kein intellektuelles Konzept, sondern die eigenständige Erfahrung eines jeden Einzelnen. Es geht weit über das Denken hinaus, du musst aktiv sein und nicht nur denken, es fordert dich in deiner Gesamtheit, es braucht eine Veränderung, eine Transformation.

Ein wesentlicher Bestandteil des Tantra ist die Erkenntnis, dass ein denkender Geist ein irrender Geist ist. Denken ist nicht die Sprache, mit der man sich mit dem Dasein verbinden kann – im Gegenteil – es behindert diesen Prozess. Gedanken, die uns von der Realität abhalten, bilden eine Barriere. Der Denker produziert endlos Geschichten, die mit der Realität nichts zu tun haben.

Wenn wir uns ständig mit Denken, Nörgeln, Analysieren, Interpretieren und Philosophieren beschäftigen, dann distanzieren wir uns von der Existenz. Je mehr Gedanken wir haben, desto schwieriger ist es, klar zu sehen. Denken ist Vergangenheit oder Zukunft. Im Zusammenspiel mit der Realität sind Gedanken und Worte völlig sinnlos. Ruhe und Stille sind gefragt, Worte sind kontraproduktiv und können sogar zerstören.


Tantra ist Bewusstheit

Es ist das Leben in der Gegenwart, in diesem Moment – es ist die Kommunion mit der Existenz. Dann ist alles voller Spontanität, Kreativität, Lust und Freude und die Lebensenergie kann ihrer Bestimmung folgen. Der Schlüssel dazu ist Meditation.

Tantra sagt: „Werde bewusst und lerne die Sprache des Bewusstseins, weil das Bewusstsein nicht mit der Vergangenheit belastet ist.“

Jede Handlung, die aus einer hohen Bewusstheit heraus geschieht, wird aufmerksam, verantwortungsvoll und respektvoll sein. Menschen, die bewusst leben, sind liebevoll, ausgeglichen und friedlich. Bewusste Menschen werden niemals einem anderen Menschen einen Schaden zufügen!


Tantra ist non-dualistisch

„Das Wesentliche des Tantra, seine wesentliche Natur – radikal, revolutionär und rebellisch – beruht auf der Tatsache, dass die Welt nicht in Gut und Böse, in Oben oder Unten aufgeteilt ist, sondern ein Ganzes ist. Oben und Unten gehen Hand in Hand.

Das Niedrige beinhaltet das Höhere und das Höhere beinhaltet das Niedrige. Das Oben ist im Unten verborgen – daher kann das Unten niemals geleugnet werden, kann niemals verdammt werden. Das Niedrige muss nur verwandelt werden.“ Osho, indischer Mystiker.

Das bedeutet konkret, dass es keine Dualität gibt: Alles ist gut und muss genau so akzeptiert werden, wie es ist. Die Einteilung in Gut oder Böse, Gott oder Teufel, Himmel oder Hölle, Dogma und Sünde hat die Menschheit mit Schuld belastet. Die Dualität hat alles vergiftet: den Sex, den Körper, Beziehungen, Liebe und Gedanken.

Tantra sagt: „Akzeptiere dich vollständig und komplett, akzeptiere deinen Körper, deine Sexualität, deine Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse. Nimm dich als vollständiges Wesen so an, wie du bist! “


Tantra nutzt die Sexualität

Sex ist genauso „heilig“ wie Samadhi oder das Paradies. Oben und Unten sind Teil der Evolution. Die unterste Sprosse ist Teil derselben Leiter wie die höchste Sprosse. Wenn wir die niedrigste Stufe nicht akzeptieren, können wir niemals die höchste Stufe erreichen.

Sexualität ist die grundlegende Energie, durch die wir geboren wurden. Die sexuelle Energie ist die Basis von ALLEM – es ist unsere Lebensenergie. Sie ist weder gut noch schlecht, sondern einfach nur natürlich. Wenn sie nicht frei fließen kann, führt das zu physischen und vor allem psychischen Blockaden. Bei den meisten Menschen bleibt diese Energie im ersten Chakra stecken – wie soll sie dann frei fließen können? Dann sucht sie sich Seitenkanäle, der Mensch wird unzufrieden und aggressiv, er strebt nach materiellem Erfolg oder Macht.

Tantra sagt: „Lerne die Sprache des Orgasmus! Lass deine sexuelle Energie vollständig fließen, so oft und wann immer du möchtest!“

Im Liebesakt passiert etwas Außergewöhnliches: in der Ekstase sind wir für ein paar Augenblicke vollkommen ohne Gedanken! Versuche einmal während des Orgasmus einen Gedanken zu formulieren – es geht nicht, oder? In diesem Moment sind wir Eins mit dem Ganzen, mit der Schöpfung, mit dem Göttlichen. In diesem Moment gibt es kein Ich oder Du mehr, es gibt nur noch EINS. Die Dualität aufgehoben.

Dies ist die Sprache des wahren Seins, dies ist die Sprache, durch die wir mit der Existenz kommunizieren. Diese Momente sind Nicht-Denken, No-Mind, Meditation – ein erster Vorgeschmack auf die Ewigkeit, ein Schimmer des Göttlichen. Es ist die Sprache der LIEBE, aber wir haben diese Sprache vergessen.

Tantra sagt: „Lerne die Sprache der Liebe! Das ist die Sprache der gemeinsamen Präsenz, die Sprache des Herzens, es ist die innerste Wahrheit.“

Wir haben uns eine künstliche Sprache, eine Fremdsprache angeeignet. Diese Sprache beherrscht uns, es ist die Sprache des Kopfes, der Wörter und Begriffe. Diese Sprache erfüllt die Bedürfnisse des Alltags, aber wenn es sich um höhere Bewusstseins-Ebenen handelt, ist sie nicht zu gebrauchen.


Tantra zerstört das Ego

 

Kali, Göttin der Zerstörung (des Ego) und Erneuerung

Ego oder Charakter bedeutet, eine starre Struktur zu haben. Charakter bedeutet Vergangenheit und eine bestimmte, angeeignete Disziplin zu haben. Charakter bedeutet, du bist nicht mehr frei, sondern angepasst, du bist nicht spontan und befolgst nur die Regeln der Gesellschaft. Der Charakter oder das Ego ist unsere Programmierung!

Tantra sagt: „Befreie dich vom Ego, durchbreche deine Panzerung. Sei flexibel und spontan und lebe von Moment zu Moment.“

Das bedeutet aber nicht, ausschweifend, rücksichtslos oder verantwortungslos zu leben, sondern bewusster. Wenn du bewusst bist, übernimmst du automatisch die Verantwortung für dich und dein Handeln.


Schlüssel-Methoden im Tantra 

Tantra arbeitet mit unterschiedlichen Methoden und Techniken. Das Ziel ist es, Körper und Geist in bestimmte meditative und energetische Zustände zu versetzen. Die Wichtigsten:

Mantras

Das Mantra ist im ursprünglichen Tantra ebenso wichtig wie die sexuelle Hingabe. Der Klang hat drei verschiedene Stufen, von denen wir nur den mittleren hören können. Ein Klang, der über oder unter einem bestimmten Bereich schwingt, ist nicht mehr hörbar, bei einer gewissen Frequenz ist er jedoch wahrnehmbar. Ein Mantra ist der unhörbare Klang. Durch ein Mantra wird das ganze homogene Bewusstsein berührt; die Klangwellen gehen nach innen. Es ist eine Form von mentaler Energie, sie hat die Kraft das gesamte Bewusstsein zu beeinflussen und neu zu gestalten.

Yantras und Mandalas

Das sind Figuren und Symbole der psychischen Struktur des Körpers. Sie entspringen von einem einzigen Punkt (Bindu). Es heisst, dass sich die gesamte Schöpfung aus Bindu entwickelt hat. Ein Yantra ist ein Symbol der Schöpfung, und wenn Du Dich zu dem Punkt zurückziehst, dann gehst Du zurück zum Ursprung der Schöpfung. Der Punkt ist ein Mandala, und im Tantra ist das Stirnchakra ein wichtiger Konzentrationspunkt. Bei der Konzentration darauf dehnt er sich aus und zeigt sich in vielerlei Formen. Das bedeutet Ausdehnung der Wahrnehmung.

Anmerkung: kommt dir das bekannt vor? Die moderne Quantenphysik geht davon aus, dass das gesamte Universum aus einem Punkt entstand (Urknall-Theorie), der die Größe eines Atoms hatte – er bildet die äußerst verdichtete Energie des Universums ab.

Yoga. Die Asanas, das Tantra Yoga.

Der Atem. Yoga arbeitet ebenfalls mit dem Atem, aber die Techniken unterscheiden sich grundsätzlich. Yoga will das Atmen systematisieren, das macht Dich gesünder. Im Tantra geht es aber darum, den Atem als Mittel zu nutzen, um in das Hier und Jetzt zu gelangen, das ist ein völlig anderer Ansatz.

Sexualität als Katapult ins Sein.