Tantra das Mysterium

Reliefs an einem tantrischen Tempel in Khajuraho, Indien

Tantra ist eine Wissenschaft des Bewusstseins und des Körpers, der eine komplexe Kosmologie zugrunde liegt. Tantra geht zwar über den Körper hinaus, es verlässt ihn aber nie! Es ist keine simple Lebensphilosophie, wie man das so oft hört und liest. Philosophie fragt nach dem WARUM, Tantra interessiert nur das WIE.

Tantra erfordert aktives Handeln – nur TUN führt zum SEIN und nicht bloß denken. Theorie ist im Tantra völlig bedeutungslos, die eigene Erfahrung steht im Mittelpunkt und es fordert dich in deiner Gesamtheit… du musst dich real darauf einlassen, um diese Erfahrung überhaupt machen zu können. In der Philosophie bleibst du einfach nur derjenige, „der sich Gedanken macht“.

Shiva – das höchste Bewusstsein, der Schöpfer und Zerstörer

Das hinduistische oder buddhistische Tantra lässt sich aber nicht 1:1 auf den westlichen Menschen unserer Zeit übertragen, denn die kulturellen und spirituellen Gegensätze sind einfach zu groß. Das sogenannte Neo-Tantra entspricht dem Zeitgeist und entwickelt sich stetig weiter. Hier vermischen sich die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft des Westens mit den spirituellen Weisheiten des Ostens. Ausführliche Infos über die umfangreiche spirituelle Kosmologie des ursprünglichen Tantra findest du auf unser Seite über den Tantrismus.

Aber man muss nicht alles, was dem historischen Tantra zugerechnet wird, vorbehaltlos übernehmen. Bei Ritualen wurden auch Fäkalien verzehrt, Tiere getötet sowie Drogen konsumiert. Auf so mancher Begräbnisstätte wurde Nachts auf den Gebeinen von Toten getanzt als Ausdruck der Ablehnung der religiösen Gebote der Hindus.

Es lässt sich aus heutiger (und westlicher Sicht) nur schwer einschätzen, inwieweit solche Aktionen als „Transformations-Mittel“ wirklich notwendig waren oder einfach nur deshalb gemacht wurden, um die Menschen aufzurütteln oder Aufmerksamkeit zu erregen. Für unsere Zeit und unser Verständnis undenkbar! Es ist auch bekannt, dass der eine oder andere Tantrika die Siddhis dazu benutzte, um andere Menschen meist sexuell zu beherrschen. Man muss deshalb genau hinschauen, um die Perlen der Lehre herauszufinden. Das gleiche gilt aber auch für das Neo-Tantra.

Solche Perlen sind z.B. Das Buch der Geheimnisse (Übersetzung und Interpretation von Osho aus dem „Vigyan Bhairava Tantra“) und Tantra, die Höchste Einsicht (Übersetzung und Interpretation „Der Gesang vom Mahamudra“, ein Klassiker der tantrisch-buddhistischen Literatur). Weitere Perlen sind Die Welt des Tantra von Mookerjee/Khanna und Das große Buch des Tantra von Nick Douglas/ Penny Slinger.


Bedeutung des Begriffs TANTRA

Bei der Übersetzung des Begriffes aus dem Sanskrit (der altindischen Sprache der Veden) bleibt viel Raum zur Interpretation. Leider haben sich auch einige Fehlinterpretationen durch die ersten Übersetzer bis heute hartnäckig gehalten. Im Sanskrit gibt es enorm viele fein differenzierte Begrifflichkeiten, die es in keiner modernen Sprache oder Schrift gibt – das macht es so schwer. Oft wird der Wortteil tan mit (ver)weben übersetzt. Wenn wir das (neuzeitlich ausgedrückt) als eine Art Netzwerk interpretieren würden, dann macht das sogar Sinn.

Lassen wir deshalb einen Mann zu Wort kommen, der ein Sanskrit-Experte und weltweit bekannter Tantra/Yoga-Lehrer ist: Satyananda Sarasvati.

„Tantra setzt sich aus zwei Sanskrit-Worten zusammen. Der erste Wortteil ist tanoti und heißt ausdehnen. Der zweite ist trayati und heißt befreien. Tantra bedeutet Ausdehnung und Freisetzung – Ausdehnung des Bewusstseins und Freisetzung von Energie. Energie und Bewusstsein sind die Hauptbestandteile jeder Lebensform. Damit Entwicklung stattfinden kann, müssen Bewusstsein und Energie zusammen wirken und sich unterstützen.“

Das ist für mich die schlüssigste, sachkundigste Übersetzung und Interpretation, die ich je gefunden habe. Und weiter:

„Der Körper ist verdichtete Energie und der Geist ist Ausdruck des Bewusstseins. Obwohl wir unseren Körper als materiell wahrnehmen, sagt uns Tantra, dass er eine andere Manifestation von Energie ist, die von Bewusstsein unterstützt wird. Könnten wir durch ein Super-Mikroskop in unseren Körper blicken, würden wir hinter dem „festen“ Körper im Inneren den Atomkern als reine Energie erkennen. Darüber hinaus sagt Tantra: jede Materie ist verdichtete Energie und Bewusstsein!“


Shiva ist das Bewusstsein und Shakti ist die Energie. Beide müssen sich vereinigen und zusammen wirken, sich gegenseitig unterstützen, um wahre Erfüllung im Leben zu erfahren.“


Parvati – die Muttergöttin, Gattin und Shakti von Shiva

Der materielle Körper ist nichts als ein Behälter und innerhalb dessen befindet sich der Energiekörper. Es gibt auch noch den geistigen, den mentalen Körper. Die Erfahrung dieses Körpers ist das Bewusstsein, danach kommt die Erfahrung spiritueller Natur. Tantra versucht alle fünf Ebenen zu entwickeln: Materie, Energie, Geist, Bewusstsein und Spiritualität. Im Laufe der Zeit sind spezielle Techniken entstanden, die diesen Prozess unterstützen und ermöglichen.

Eine wichtige tantrische Übung ist Yoga (die Asanas, Hatha Yoga, Tantra Yoga), weitere Techniken sind Mantras, Yantras und Mandalas. Der mentale Aspekt ist das Mantra, damit wird der Geist frei vom Ego. Das Yantra gibt der Energie einen Rahmen, diese ist als Shakti, als Antriebskraft bekannt. Shakti als Energie und Shiva als Bewusstsein bilden das Fundament von Tantra.

Dieses Shiva-Shakti Prinzip wird auch das männlich-weibliche Prinzip genannt. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, damit Erfüllung im Leben erfahrbar wird. Dies wurde oft dahingehend interpretiert, dass Sex bzw. der Koitus das Hauptthema von Tantra sei. Es geht zunächst jedoch um die Vereinigung der beiden Kräfte Shiva und Shakti, also Bewusstsein und Energie. Die Linie des → roten Tantra nutzt die → Sexualenergie und setzt diese Aspekte auch körperlich als Vereinigungsritual um, aber immer nur als sakraler Bestandteil einer Puja.

Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist – es bringt beide in Harmonie, so dass körperliche und spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Yoga, Zen oder andere Meditations-Systeme sind erste Meilensteine auf dem Weg zu Tantra. Anders ausgedrückt: dort, wo Yoga aufhört, geht Tantra den Weg einfach weiter!