Tantra und Yoga Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Grundsätzlich verfolgen beide das gleiche Ziel, nämlich das Reduzieren von Leid (Moksha), bis ein dauerhafter Zustand von Leichtigkeit und Glückseligkeit (Satchidananda) erreicht wird. Wie dieser Zustand erreicht werden kann, darin gehen beide aber vollkommen entgegengesetzte Wege.

Yoga ist Verneinung, Tantra ist Bejahung. Yoga ist Unterdrückung mit Bewusstheit, Tantra ist Akzeptanz und Zulassen mit Bewusstheit – so könnte man beide auf den Punkt bringen.

  • Yoga sagt: „Begehre nicht und bekämpfe deine Begierde, bis du vollkommen frei von Begierde bist“.
  • Tantra sagt: „Mach dir deine Begierde bewusst, ohne sie zu bekämpfen. Geh voll und bewusst in die Begierde hinein, erst dann gehst du über sie hinaus“.

Die beiden wichtigsten Unterschiede aber sind fundamental:

  • Tantra ist ganzheitlich und bezieht die Sexualität mit ein, Yoga nicht.
  • Yoga ist dualistisch, Tantra ist Non-Dualistisch – es gibt keine Dualität! Nichts wird in gut oder schlecht unterteilt, alles wird akzeptiert.

Die tantrische Alchemie bedeutet: „Alle deine Energien, die dir geschenkt wurden, sind willkommen. Sei der Wut, dem Sex, der Gier dankbar, denn dies sind deine versteckten Quellen. Sie können transformieren. Wenn Wut transformiert wird, entsteht Mitgefühl. Wenn Sex transformiert wird, entsteht Liebe.“

Beide Wege sind für uns schwierig zu beschreiten, weil unser Verstand krank ist. Yoga wird zur Technik der Unterdrückung, und was unterdrückt wird, ist noch lange nicht weg – es sucht sich nur andere Kanäle. Gehen wir den tantrischen Weg, besteht die Gefahr des Zügellosen. Das ist vergleichbar mit einem Ventil, das sich öffnet, wenn sich viel (Über-)Druck angesammelt hat. Tantra könnte man dahingehend missinterpretieren, dass vermeintlich die Erlaubnis suggeriert wird, sich emotional oder sexuell auszutoben – das ist eine Illusion! Eine natürliche und bewusste Einstellung, vor allem zur Sexualität, ist die Voraussetzung. Extreme sind nie gut: „Bleib in der Mitte“, wie Buddha bei jeder Gelegenheit lehrte.


Yoga.

Auch Yoga ist eine aktive Methode und keine Philosophie. Genau wie Tantra beruht Yoga auf Handlung, also einer Technik. Nur Tun führt zum Sein und nicht bloß denken. Grob ausgedrückt könnte man sagen, dass Yoga der Weg der Askese, des Kampfes und der Disziplin ist – nämlich des Kampfes gegen sich selbst. Es ist der männliche Weg, der Weg des Kriegers.

Du musst kämpfen, du musst dich disziplinieren und alles Schlechte transzendieren, damit du das wirst, was du sein könntest.”

Yoga hat seit den 1980-er Jahren einen enormen Zulauf in der westlichen Welt. Die ursprüngliche Lehre hat sich mittlerweile aber in unzählige Variationen und Linien aufgesplittet und hat mit dem ursprünglichen Yoga fast nichts mehr zu tun. Es entsteht der Eindruck, dass bei einem Großteil der Praktizierenden das Hauptanliegen aus „spirituellen Dehnungsübungen“ besteht. Das ist ohne Zweifel gut für den Körper, geht aber am eigentlichen Ziel völlig vorbei.

Viele beginnen mit Yoga und versuchen, über Nacht „Heilige“ zu werden. Sie sprechen über Sittenlehren, Ideale und Asketentum, verurteilen die Sexualität, den Genuss und vieles Andere. Das ist gleichbedeutend mit der Kritik an der Schöpfung selbst, der Verneinung des Lebens schlechthin. Wie soll das auf Dauer funktionieren? Wenn z.B. die Sexualenergie unterdrückt wird, sucht sie sich andere Kanäle – der Mensch wird aggressiv, unzufrieden und ehrgeizig, und er ist ständig auf der Suche nach Ersatzbefriedigungen. Das Leben muss als Ganzes akzeptiert werden und nicht nur Teile davon, sonst wirst du gespalten und machst Yoga zu einer Pseudo-Religion.


Tantra.

Tantra ist der weibliche Weg, es geht den Weg genau entgegengesetzt: den Weg der Akzeptanz und Hingabe – es gibt gar nichts zu bekämpfen. Das tantrische Prinzip ist sehr einfach:

Wirke nicht gewaltsam auf die Muster deines Lebens ein. Diszipliniere dich nicht mit einem Panzer aus Moral und Dogmen, sonst wird aus deiner Disziplin eine Fessel. Akzeptiere dich so, wie du bist.”

Es ist ein tiefes Ja-Sagen zum Leben. Die einzige tantrische „Disziplin“ ist Bewusstheit:

Bringe Bewusstheit in dein Leben. Alles, was du tust, muss aus einer großen Bewusstheit kommen – dann ist alles schick…”

Yoga macht uns bewusst für Körper und Geist – es bringt beide in Harmonie, so dass körperliche und spirituelle Erfahrungen gemacht werden können. Yoga, Zen oder andere Meditations-Systeme sind erste Meilensteine auf dem Weg zu Tantra. Anders ausgedrückt: dort, wo Yoga aufhört, geht Tantra den Weg einfach weiter.

Sva Ha. So sei es!