Sex, Energie und Liebe.

Wenn wir genau hinsehen, erweist sich das Leben als ein unbegrenzter, nicht enden wollender Fortpflanzungsprozess. Überall in der Natur ist ein ständiges Werben um diejenigen, die entweder Samen produzieren oder Samen aufnehmen. Offensichtlich hat die Natur nichts anderes im Sinn als immer neues Leben zu erschaffen und es gibt eine universelle Anstrengung, die darauf abzielt, dass die Schöpfung nach immer höherem Leben strebt.

Die Sexualenergie ist eine universale Kraft, die jedem Lebewesen innewohnt. Sie ist die Urenergie – sie bedarf keiner Zuführung in Form von z.B. Essen oder Trinken. Sie gebiert sich aus sich selbst heraus, sie ist einfach da. Sobald sie nicht mehr fließt, ist die Zeit des Sterbens gekommen.

Dem Menschen – das höchst entwickelte Wesen auf diesem Planeten – scheint diese Energie in ganz besonderem Maß zuteil geworden zu sein, denn es gibt kein Individuum das derart sexuell ist: rund um die Uhr, zu jeder Jahreszeit. Unabhängig der reinen Fortpflanzung hat sie beim Menschen aber eindeutig noch einen anderen Sinn, da steckt eine Absicht dahinter, denn die Natur produziert nichts Überflüssiges. Es ist der spirituelle Faktor, der der Sexualität viel mehr Tiefe gibt, der für mehr Reife sorgt, für ein höheres Individuum eben.

Der Sex wurde aber von Religionen und der Gesellschaft vergiftet und unterdrückt. In dem Moment, wo die Sexualenergie unterdrückt wird, sucht sie sich neue Formen, um sich auszudrücken. Energie kann nicht statisch bleiben, sie ist immer dynamisch. Wird der natürliche Fluss der Energie verhindert, dann fließt sie eben mehr oder minder unnatürlich, dann sucht sie sich „Seitenkanäle“. Meistens sind es negative Dinge wie Habgier, Macht, Gewalt. 80 Prozent aller Gewaltverbrechen haben als Ursache ein sexuelles Problem, wie Kriminalpsychologen heraus-gefunden haben. Manchmal wird aber anstatt eines Verbrechers ein Künstler daraus….

Der Mensch bekam die ersten flüchtigen Eindrücke von Erwachen – von Meditation – während des Sexual-Aktes. Das war der Moment der Erkenntnis eines Phänomens: beim Orgasmus, also bei der Ekstase verschwinden alle Gedanken, es stellt sich für einen Moment totale Bewußtheit ein. Auf einen Schlag sind wir völlig mit der Schöpfung verbunden, kein „Denker“ und keine Kontrolle mehr… einfach nur Glückseligkeit.

Leider hält dieser Zustand nur für einen Augenblick, dann setzt der Kopf sein Werk fort. Aus der Erkenntnis aber, dass Gedankenleere, also Bewußtsein, zur Ekstase führt, suchte man nach Wegen, um das Ganze auszudehnen. Daraus erwuchsen Systeme wie Bhairava Tantra, Yoga oder No-Mind, des Bewusstseins jenseits des Verstandes, die zur Geburt der Meditation führten. Ursprung und Basis von Meditation ist aber der Sexual-Akt.

Die Erkenntnis war, daß es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Glückseligkeit der meditativen und der der orgastischen Erfahrung gibt. In tiefer Meditation ist die gleiche Glückseligkeit erfahrbar, aber eben länger als nur ein flüchtiger Orgasmus. Weil ein Orgasmus aber etwas ganz natürliches ist und von jedem Menschen erfahren werden kann, haben sich einige tantrische Linien um die Verlängerung und Intensivierung bemüht. Physischer Sex lässt sich qualitativ noch erhöhen, in dem das Spirituelle, mit einbezogen wird: die Herzensebene, die Liebe. Liebe ist die Erfahrung des Einsseins, wenn es kein ich und kein du mehr gibt. Liebe ist, wenn auf einer höheren Ebene aus zweien eins wird: eine Melodie, ein Strömen, ein Wesen – das Ego hat sich aufgelöst.

Tantra und die Sexualenergie

Warum arbeiteten einige tantrische Linien wie z.b das Vamacara Tantra ganz gezielt mit der Sexualität? Die Tantriker nutzen die gewaltige Energie unserer Sexualität als meditatives Instrument, um die Trennung des Menschen vom Sein aufzulösen. Was aber ist damit gemeint?

Wenn die Sexualenergie vom untersten Chakra nach oben steigt, nimmt sie immer mehr Raum ein. Sie verdrängt den Verstand, der normalerweise 99 Prozent dieses Raumes beansprucht. Beim Orgasmus sind wir dann vollkommen präsent, der Denker hat keine Kontrolle mehr über uns und wir sind jetzt mit dem wahren Leben verbunden. Kannst Du das nachvollziehen?

Man muss sich das vorstellen wie ein Fass, das mit Wasser bis zum Rand gefüllt ist. Wenn man Wein einfüllen möchte, dann muss man das Wasser zuerst entleeren. Sinnbildlich ist das übertragbar auf Körper, Verstand, Sexualität und Bewußtsein: das Faß ist unser Körper, der Verstand (der Denker) ist das Wasser und der Wein ist Bewußtsein. Bewußt zu sein bedeutet, dass der Denker still wird und wir dann im Sein verankert sind.

Dann erblühen wir, dann erschauern wir, dann nehmen wir das ganze Spektrum unserer Gefühle, Sinne und Emotionen wahr, die durch den Verstand wie von einem Schleier abgedämpft wurden.