Das YoniVersum
oder der weibliche Kollektivschmerz
Es ist viel Schlimmes passiert in der Vergangenheit. Über Generationen hinweg haben sich in vielen Frauen tiefe Verletzungen festgesetzt. Dieser Schmerz – und vielleicht auch die Erinnerung daran – gehört seit Jahrtausenden zur Geschichte des Weiblichen und hat tiefe Spuren hinterlassen.
Mayonna A. Bliss, die Mitinitiatorin des Frauenkongresses, beschreibt dies sehr treffend:
„Der kollektive Schmerz ist die Summe des Schmerzes, den Frauen im Laufe der Geschichte erfahren haben. Die millionenfach wiederholte Verletzung des Schoßraumes hat sich als Erfahrung in unsere Zellen eingebrannt und wird unbewusst von Mutter zu Tochter weitergegeben.
Wir tragen das Erbe der Frauen vor uns in uns. Und wir sind ebenfalls Teil des weiblichen Kollektivs zu dieser Zeit. Wenn wir alle „ein Sein“ sind, dann können wir auch den Schmerz der Frau fühlen, die auf der anderen Seite des Globus vergewaltigt oder verstümmelt wird.
Je tiefer ich in meinen Schoßraum als Zentrum des weiblichen Seins hinein fühle, umso tiefer komme ich in Kontakt mit dem weiblichen Kollektiv. Nicht nur der kollektive Schmerz wird dann fühlbar, auch an altes Frauenwissen können wir uns hier wieder erinnern.“
1. Was ist passiert?
Eine Reise in die Vergangenheit
Um zu verstehen, warum vom weiblichen Kollektivschmerz gesprochen wird, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte.
Der Status
Um 4000 v. Chr. war der soziale Status einer Frau in beinahe allen Gesellschaften Europas, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Asiens nur unwesentlich höher als der eines Sklaven. Die Teilhabe an Politik und Religion sowie der Einfluss auf das kulturelle Leben wurden ihnen weitgehend versagt.
Frauen war es vielfach nicht gestattet, eigenes Vermögen zu besitzen, und sie selbst wurden als Besitzgegenstände betrachtet. Geldverleiher und Steuereintreiber durften Frauen „konfiszieren“ und nach Gutdünken verwenden.
In Assyrien beispielsweise bestand die „Strafe“ für eine Vergewaltigung darin, dass die Ehefrau des Vergewaltigers dem Ehemann des Opfers übergeben wurde – zum Umgang nach Belieben.
Ritueller Witwenmord
Zu den grausigsten Bräuchen zählt der sogenannte rituelle Witwenmord, bei dem eine Frau kurz nach dem Tod ihres Ehemannes umgebracht wurde oder Selbstmord beging bzw. dazu gezwungen wurde. Solche Praktiken sind bis ins 20. Jahrhundert hinein dokumentiert.
Die Witwe eines Brahmanen hatte Suttee zu begehen: sich selbst auf dem Scheiterhaufen mit dem Leichnam ihres Gatten zu verbrennen – andernfalls wurde sie dazu gezwungen. Gemäß bestimmten religiösen Vorstellungen wurde eine Frau mit dem Tod ihres Mannes zu einer unvollständigen und sündigen Person, zu einer sozialen Außenseiterin ohne Erlaubnis zur Wiederheirat.
Totale Unterwerfung
In Europa und Nordamerika sind Frauen und Männer heute weitgehend gleichgestellt. Anderswo führen Frauen noch immer ein Leben unter massiver Einschränkung und Kontrolle. In vielen patriarchal geprägten Gesellschaften werden Bewegungsfreiheit, Sexualität und Selbstbestimmung von Frauen bis heute kontrolliert.
Hatte eine unverheiratete Frau Sex, kann es geschehen, dass ein männlicher Verwandter sie deswegen tötet – selbst wenn sie vergewaltigt wurde. Die Kontrolle über die Frau ist dabei immer auch eine Kontrolle über ihren Körper und ihre Sexualität.
Körperliche Gewalt
Über diese institutionalisierte Unterdrückung hinaus waren Frauen ständig körperlicher Gewalt ausgesetzt – und sind es bis heute, auch in westlichen Gesellschaften. Frauen werden geschlagen, vergewaltigt, missbraucht und getötet. Sexualisierte Gewalt findet in Partnerschaften, in Familien, im Krieg und überall dort statt, wo Macht über andere Menschen ausgeübt wird.
In vielen Kulturen hatten Frauen für Ehebruch, vorehelichen Sex und Abtreibung die Todesstrafe zu fürchten.
In China bestand lange die Tradition des Füße-Abbindens, eine schmerzhafte Deformation und Behinderung, die den Frauen winzige Trippelschrittchen abnötigte.
Das Schlagen von Ehefrauen war nicht nur üblich, sondern wurde teilweise sogar als notwendig erachtet. Frauen galten als „emotionale, undisziplinierte Geschöpfe“ (Zitat Schopenhauer), denen man mittels Gewalt die Selbstkontrolle beibringen müsse.
Infantizid
Am offensichtlichsten zeigt sich der geringe Wert weiblichen Lebens beim Infantizid, dem Mord an neugeborenen Mädchen. Die gezielte Tötung weiblicher Kinder ist in verschiedenen Kulturen dokumentiert. Auch heute werden Mädchen in manchen Teilen der Welt aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt, abgetrieben oder getötet.
Das weibliche Leben wird dadurch von Anfang an entwertet.
Beschneidung
Zu den schwersten Eingriffen in den weiblichen Körper gehört die Genitalverstümmelung, die vor allem in Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens praktiziert wird. Die Eingriffe werden an Mädchen und Frauen vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter vorgenommen, in den meisten Fällen jedoch vor Beginn oder während der Pubertät.
Die Beschneidung ist ein gesundheitsschädigender und irreparabler Eingriff, der häufig unter unhygienischen Bedingungen durchgeführt wird. Unmittelbar nach der Prozedur können qualvolle Schmerzen, Schock und starke Blutverluste auftreten. Der Eingriff kann zu schweren Infektionen und langfristigen körperlichen sowie psychischen Schäden führen und tödlich enden.
Bei bestimmten Formen der Genitalverstümmelung werden die Klitoris und die inneren und äußeren Schamlippen teilweise oder vollständig entfernt. Bei der schwersten Form wird die Vaginalöffnung zusätzlich verengt bzw. verschlossen. Die Folgen können ein Leben lang spürbar bleiben.
Was steckt dahinter?
Zum einen soll die Jungfräulichkeit gesichert werden. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Kontrolle über die Frau – und damit die Kontrolle über die weibliche Sexualität. Die Entfernung oder Verletzung der Lustorgane soll die sexuelle Lust einschränken. Sexualität wird dadurch nicht als etwas Eigenes und Lebendiges betrachtet, das der Frau gehört, sondern als etwas, das kontrolliert werden muss.
Der weibliche Körper wird zum Machtinstrument.
Die Hexenverfolgungen
Die christlich-religiöse Hexenverfolgung bzw. Hexenverbrennung in Europa zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert ist eines der Ereignisse, die sich tief in die weibliche Geschichte eingebrannt haben. Grausamste Folterungen und Vergewaltigungen führten zum Tod von zehntausenden Menschen, überwiegend Frauen.
Über Jahrhunderte wurden Frauen verfolgt, gefoltert und getötet, weil sie angeblich mit dem Teufel im Bunde standen, über Wissen verfügten, das nicht in das gesellschaftliche Weltbild passte, oder schlicht den Erwartungen ihrer Zeit nicht entsprachen.
Ein kollektiver Schmerz, der so groß ist, dass die Vorstellung naheliegt, dass er nicht einfach mit dem Tod der einzelnen Frauen verschwindet.
Quelle (Auszüge): Der Fall von Steve Taylor.
2. Das weibliche Kollektiv
Die globale Verbundenheit aller Frauen
Bis hierhin geht es um Geschichte. Um das, was Frauen angetan wurde. Um Gewalt, Unterdrückung, Kontrolle und die Verletzung des weiblichen Körpers.
Doch was geschieht mit diesen Erfahrungen?
Bleiben sie ausschließlich Vergangenheit?
Oder gibt es eine Ebene, auf der Frauen mit dem verbunden sind, was Frauen vor ihnen erlebt haben?
Hier beginnt der spirituelle Teil des YoniVersums.
Alte tantrische und taoistische Vorstellungen gehen von einer tiefen Verbundenheit der Frauen aus. Die Yoni steht dabei nicht nur für die weiblichen Genitalien, sondern für den weiblichen Schoßraum und die schöpferische Kraft des Weiblichen. Im YoniVersum bedeutet diese Verbundenheit: Frauen sind nicht nur einzelne, voneinander getrennte Wesen. Sie sind Teil eines größeren, weiblichen Feldes.
Wenn wir alle „ein Sein“ sind, wie Mayonna A. Bliss es beschreibt, dann endet unsere Verbundenheit nicht an den Grenzen unseres eigenen Körpers.
Dann können wir uns auch mit dem Schmerz anderer Frauen verbinden.
Mit der Frau, die auf der anderen Seite der Welt vergewaltigt wird.
Mit dem Mädchen, das verstümmelt wird.
Mit der Frau, die gezwungen wird, ihren eigenen Körper zu verleugnen.
Mit den Frauen, die vor uns gelebt und gelitten haben.
Vielleicht ist genau das gemeint, wenn wir vom weiblichen Kollektivschmerz sprechen.
Der Schmerz sitzt im Schoßraum
Es gibt Frauen, die keine Freude beim Sex haben und bei der Vereinigung mit ihrem Liebsten nichts empfinden – als wäre der ganze Schoßraum taub. Noch dramatischer ist es, wenn dabei Angst und Schmerzen empfunden werden, obwohl kein offensichtlicher körperlicher Grund oder eine Vorgeschichte in Form von Missbrauch vorhanden ist.
Woher kommt das?
Nicht auf alles gibt es eine einfache Antwort. Aus tantrischer Sicht kann der weibliche Schoßraum mehr sein als ein anatomischer Bereich. Er kann ein Ort sein, an dem sich Erfahrungen, Gefühle, Lust, Angst und energetische Blockaden zeigen. Und vielleicht kann er auch ein Zugang zu etwas sein, das größer ist als die eigene persönliche Geschichte.
Zum weiblichen Kollektiv.
Der Schmerz ist nicht das Ende
Wenn wir davon ausgehen, dass es einen weiblichen Kollektivschmerz gibt, dann stellt sich eine weitere Frage:
Was befindet sich hinter diesem Schmerz? Denn Frauen sind nicht nur Opfer ihrer Geschichte. Die Geschichte des Weiblichen besteht nicht nur aus Gewalt und Unterdrückung.
Es gibt auch eine andere Spur.
Eine Spur von Frauenwissen.
Von weiblicher Intuition.
Von Heilkunst.
Von Körperwissen.
Von Sexualität.
Von Lust.
Von Geburt.
Von Schöpfungskraft.
Von Verbundenheit.
Von Frauen, die sich der Kontrolle widersetzt haben.
Vielleicht ist genau dieses Wissen nicht verschwunden.
Vielleicht ist es nur verschüttet.
Und vielleicht liegt unter dem Schmerz etwas, das darauf wartet, wieder erinnert zu werden.
Das alte Frauenwissen
Mayonna A. Bliss spricht davon, dass wir über unseren Schoßraum nicht nur mit dem kollektiven Schmerz, sondern auch mit altem Frauenwissen in Kontakt kommen können. Das ist für mich einer der faszinierendsten Gedanken des YoniVersums.
Denn wenn die Yoni nicht nur ein Körperteil ist, sondern ein Zugang zu einer tieferen Ebene des weiblichen Seins, dann geht es nicht ausschließlich um die Heilung von Verletzungen.
Dann geht es auch um Erinnerung.
Um das Wiederentdecken von etwas, das vielleicht nie wirklich verloren war.
Eine Frau muss nicht erst lernen, weiblich zu sein.
Sie muss nicht lernen, Lust zu empfinden.
Sie muss nicht lernen, ihrem Körper zu vertrauen.
Vielleicht muss sie vielmehr lernen, wieder darauf zu hören, was längst in ihr vorhanden ist.
Heilung
Heilung bzw. Linderung kann nur dort geschehen, wo die Wurzel des Übels ist: bei der Verletzung des weiblichen Schoßraums. Dort haben sich viele Wunden und Blockaden auf psychischer und energetischer Ebene manifestiert, die wir mit liebevollen, achtsamen Berührungen und Massagen nach und nach lösen können.
Dabei geht es nicht darum, eine Frau zu „reparieren“. Es geht darum, ihr einen Raum zu geben, in dem sie ihren eigenen Körper wieder erfahren kann.
Einen Raum ohne Leistungsdruck.
Ohne Scham.
Ohne Erwartungen.
Ohne die Vorstellung, wie eine Frau zu sein oder zu empfinden hat.
Die Yoni darf wieder ihr gehören.
Die Yoni-Massage
Die Yoni-Massage ist ein möglicher Weg, diesen Raum bewusst zu erfahren und mittlerweile wird sie immer häufiger auch in der modernen Sexual- und Psychotherapie eingesetzt. Sie ist eine Form von Berührung, die sehr unmittelbar mit dem weiblichen Schoßraum in Kontakt geht. Dabei können Entspannung und Lust entstehen. Es können aber auch Gefühle auftauchen, die lange nicht zugänglich waren.
Eine liebevolle Berührung kann helfen, den eigenen Körper wieder intensiver wahrzunehmen und eine neue Beziehung zur eigenen Yoni zu entwickeln. Im tantrischen Verständnis geht es dabei nicht darum, möglichst schnell einen Orgasmus zu erreichen.
Es geht um Bewusstheit.
Um Präsenz.
Um Empfangen.
Um Spüren.
Um Heilung.
Und um die Erlaubnis, dass Lust überhaupt wieder entstehen darf.
Vom kollektiven Schmerz zur kollektiven Kraft
Vielleicht liegt genau hier die tiefere Bedeutung des YoniVersums. Wir beginnen beim Schmerz. Bei dem, was Frauen angetan wurde. Bei der jahrtausendelangen Kontrolle über ihren Körper und ihre Sexualität. Aber wir müssen dort nicht stehen bleiben.
Denn wenn Frauen sich wirklich wieder mit ihrer ursprünglichen Kraft verbinden wollen, reicht es nicht, die Wunden zu betrachten. Sie müssen auch das wiederentdecken, was unter den Wunden liegt.
Die Lust.
Die Lebendigkeit.
Die Empfänglichkeit.
Die Schöpferkraft.
Die sexuelle Energie.
Die weibliche Ur-Kraft.
Vielleicht ist das die eigentliche Bedeutung des YoniVersums: vom Schmerz zurück zur Kraft. Nicht indem wir die Vergangenheit vergessen. Sondern indem wir aufhören, sie unbewusst weiterzuleben.
Das YoniVersum ist für mich deshalb ein Raum, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen.
Der Kollektivschmerz ist nicht nur etwas, das wir tragen. Vielleicht können wir auch Teil einer kollektiven Heilung sein.
