Sexualität, Bewusstsein und Energie

Wenn wir genau hinsehen, erweist sich das Leben als ein unbegrenzter, nicht enden wollender Fortpflanzungsprozess. Überall in der Natur ist ein ständiges Werben um diejenigen, die entweder Samen produzieren oder Samen aufnehmen. Die Natur hat nichts anderes im Sinn, als immer neues Leben zu erschaffen und es gibt eine universelle Anstrengung, die darauf abzielt, dass die Schöpfung nach immer höherem Leben strebt.

Die Sexualenergie ist eine universale Kraft, die jedem Lebewesen innewohnt. Sie ist unsere Urenergie – sie bedarf keiner Zuführung in Form von z.B. Essen oder Trinken. Sie gebiert sich aus sich selbst heraus, sie ist einfach da. Sobald sie nicht mehr fließt, ist die Zeit des Sterbens gekommen.

Khajuraho | Reliefs an einem Tantra Tempel in Indien

Dem Menschen – das höchst entwickelte Wesen auf diesem Planeten – scheint diese Energie in ganz besonderem Maß zuteil geworden zu sein, denn es gibt kein Individuum, das derart sexuell ist: rund um die Uhr, zu jeder Jahreszeit.  Das wäre zum reinen Zweck der Reproduktion und Arterhaltung aber gar nicht nötig – die sexuelle Bereitschaft könnte sich dann beispielsweise auf bestimmte Jahreszeiten wie Frühling oder Sommer konzentrieren, in denen die Voraussetzungen optimal sind zur Aufzucht der Nachkommen.

So jedenfalls ist es in der gesamten Flora und Fauna auf diesem Planeten. Darüber hinaus schenkt sie uns die intensivsten Glücksgefühle, die ein Mensch haben kann. Es stellt sich also die Frage nach dem WARUM – es muss unabhängig der reinen Fortpflanzung noch einen weiteren Grund geben, denn die Natur produziert nichts Überflüssiges. Die Antwort liegt auf der Hand: es ist der spirituelle Faktor, der der menschlichen Sexualität viel mehr Tiefe gibt, der u.a. für mehr Reife sorgt, für ein höheres Individuum eben.

Der Sex wurde aber von Religionen und der Gesellschaft vergiftet und unterdrückt. In dem Moment, wo die Sexualenergie unterdrückt wird, sucht sie sich neue Formen, um sich auszudrücken. Energie kann nicht statisch bleiben, sie ist immer dynamisch. Wird der natürliche Fluss der Energie verhindert, dann fließt sie eben mehr oder minder unnatürlich, dann sucht sie sich „Seitenkanäle“. Meistens sind es negative Dinge wie Habgier, Macht, Gewalt. 80 Prozent aller Gewaltverbrechen haben als Ursache ein sexuelles Problem, wie Kriminalpsychologen herausgefunden haben. Manchmal wird aber anstatt eines Verbrechers ein Künstler daraus….


Sex – das Katapult ins Sein

Der Mensch bekam die ersten flüchtigen Eindrücke von Erwachen – von Meditation – während des Sexual-Aktes. Das war der Moment der Erkenntnis eines Phänomens: beim Orgasmus – also bei der Ekstase – verschwinden alle Gedanken, es stellt sich für einen Moment totale Bewusstheit ein. Versuche doch einmal, während eines Orgasmus zu denken – es funktioniert nicht, gell? Auf einen Schlag sind wir mit der Schöpfung verbunden, kein „Denker“ stört und es gibt keine Kontrolle mehr… einfach nur Glückseligkeit.

Leider hält dieser Zustand nur für einen Augenblick, dann setzt der Kopf wieder sein Werk fort. Aus der Erkenntnis aber, dass Gedankenleere – also totales Bewusstsein – zur Ekstase führt, suchte man nach Wegen, um das Ganze auszudehnen. Daraus erwuchsen Systeme wie Bhairava Tantra, Yoga oder No-Mind, des Bewusstseins jenseits des Verstandes, die zur Geburt der Meditation führten. Die Erkenntnis war, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen der Glückseligkeit der meditativen und der der orgiastischen Erfahrung gibt. In tiefer Meditation ist die gleiche Glückseligkeit erfahrbar, aber eben länger als nur ein flüchtiger Orgasmus. Weil ein Orgasmus aber etwas ganz natürliches ist und von jedem Menschen erfahren werden kann, haben sich einige tantrische Linien um die Verlängerung und Intensivierung bemüht.

Mann kann sich das sinnbildlich so vorstellen: wenn die Sexualenergie vom untersten Chakra nach oben steigt, nimmt sie immer mehr Raum ein. Sie verdrängt den Verstand, der normalerweise 99,9 Prozent dieses Raumes beansprucht. Beim Orgasmus sind wir vollkommen präsent, der Denker hat keine Kontrolle mehr über uns und wir sind jetzt mit dem wahren Leben verbunden, wir sind im Sein verankert. Dann erblühen wir, dann erschauern wir, dann nehmen wir das ganze Spektrum unserer Gefühle, Sinne und Emotionen wahr, die durch den Verstand wie von einem Schleier abgedämpft wurden.

Die Tantriker nutzen das gewaltige Potential unserer Sexualität, um die Trennung vom Sein sowie die Trennung von Mann und Frau aufzulösen, damit sie die Einheit erfahren können. Es geht nicht um Erleuchtung oder Ähnliches… die Seele ist bereits erleuchtet! Was ihr fehlt, sind sinnliche Erfahrungen, und dazu braucht sie einen feststofflichen Körper. Das ist der eigentliche Sinn des Lebens für uns als Menschen, das ist die Bestimmung unserer Reise in den Körpern als Mann und Frau. Aus diesem Grund haben wir eine derart kraftvolle Sexualität, die jedem anderen Wesen auf diesem Planeten haushoch überlegen ist. Und physischer Sex lässt sich qualitativ noch erhöhen, in dem das Spirituelle mit einbezogen wird: die Herzensebene, die Liebe.

Liebe ist die Erfahrung des Einsseins, wenn es kein ICH und kein DU mehr gibt. Liebe ist, wenn auf einer höheren Ebene aus zweien eins wird: eine Melodie, ein Strömen, ein Wesen – das Ego hat sich aufgelöst.OSHO


Der animalische Sex

Was ist eigentlich mit animalischem Sex gemeint? Vielleicht hört sich das im ersten Augenschein etwas herablassend an – es geht dabei aber nicht um eine Bewertung oder Einteilung in gut oder schlecht. Zum besseren Verständnis kommen wir einmal „von hinten durch die kalte Küche“: Menschen haben sieben Energie-Körper, die den physischen Körper umgeben und in der Summe auch Aura genannt werden. Der gesamte menschliche Körper ist ein großes Energie-Feld, das aus verschiedenen Schichten besteht, die in unterschiedlichen Frequenzen schwingen. Davon „schwingen“ sechs dieser Energie-Körper im hochfrequenten feinstofflichen Bereich, d.h. wir können sie weder sehen noch anfassen. Unser Augenmerk liegt zunächst auf dem physischen Körper.

Der physische oder feststoffliche Körper ist der einzige dieser Körper, der zeitlich und räumlich begrenzt ist und den wir sehen und anfassen können. Wir benötigen ihn, um sinnliche Erfahrungen im Hier-und-Jetzt zu machen. In unserer Thematik geht es dabei hauptsächlich um Lust und Ekstase. Diese Lock– und Belohnungsgefühle unseres Reptiliengehirns (so bezeichnet man den zig-Millionen Jahre alten Teil unseres Emotional- bzw. Stammhirns, der viel älter ist als der Homo Sapiens selbst) sollen uns von Natur aus dazu animieren, uns möglichst oft zu paaren zum Zwecke der Fortpflanzung. Es ist ein natürlicher Trieb, den wir von Geburt an in unseren Genen tragen.

Das trifft aber nicht nur auf den Menschen, sondern auf alle Tiere zu. Deshalb bezeichnet man diese Art von Sex, der vorwiegend lustvoll und ekstatisch ist und hauptsächlich der Fortpflanzung dient, als animalischen Sex, weil er Teil und Ausdruck unseres mentalen „Tierkörpers“ ist. Die meisten Menschen praktizieren diesen Sex, weil er für sie „normal“ ist und sie es auch gar nicht anderes kennen. Der tantrische Sex geht aber weit über sinnlich-körperliche Erfahrungen hinaus, es ist vielmehr ein Verschmelzen auf der feinstofflichen Ebene. Mann und Frau, Shiva und Shakti erfahren sich als energetische Einheit.


Tantrischer Sex – Ausdehnung von Bewusstsein und Freisetzung von Energie

Je nach Kultur und regionalem Umfeld wird Sex entweder im stillen Kämmerlein und vorwiegend im Dunkeln praktiziert, oftmals auch noch belastet durch das religiöse Dogma des Sündhaften. Oder er befindet sich im anderen Extrem, er verkommt zum pornographischen Hochleistungssport, bei dem das erreichen des Orgasmus die Ziellinie ist. Schwitzende und ausgepumpte Körper sind oft das Resultat, der Orgasmus ist eher oberflächlich und genau so steil abfallend wie er aufgestiegen ist. Was häufig zurück bleibt, ist ein Gefühl der Leere, des Unvollkommenen und Flüchtigen, und nicht lange danach kommt wieder das Verlangen nach mehr.

Der animalische Sex hat durchaus seine Berechtigung, gerade für junge Menschen mit ihrer jugendlichen Power und dem starken Sexualtrieb. Hier geht es um Lust, Spaß und Fortpflanzung. Aber Sex bietet darüber hinaus noch viel mehr, nämlich Bewusstsein und das Erfahren der Einheit – das ist das spirituelle Potential der menschlichen Sexualität. Diese Erfahrung machen Menschen aber leider nur selten in ihrer jugendlichen Sturm-und-Drang-Zeit, das kommt erst viel später, wenn der Nährboden dafür da ist.

Tantrischer Sex findet auf einer ganz anderen Ebene als der animalische Sex statt. Wenn man es auf den Punkt bringt, wird Sexualenergie in Liebesenergie transformiert. Dabei geht es nicht um zielgerichtete Aktivität, sondern um ein geschehen lassen. Liebe ist niemals Aktivität, sondern Meditation.

Beim tantrischen Sex geht es auch darum, sich von der sexuellen Erregung zu lösen, in die totale Entspannung zu gehen und die Energien im Körper zu behalten, anstatt sie ständig nach außen zu entladen. Nach und nach wird der Körper vollgepumpt mit sexueller Energie wie ein Akku, und der Raum der Bewusstheit dehnt sich immer weiter aus. Auf diesem Level gibt es meistens keinen Drang mehr nach einem Orgasmus, er spielt einfach keine Rolle mehr.

Das ist die tatsächliche Bedeutung von „tan-tra“, wenn wir die beiden Wortteile tan und tra in deren ursprünglichen Bedeutungen aus dem Sanskrit übersetzen, nämlich tanoti = Ausdehnung (von Bewusstsein) und trayati = Freisetzung (von Energie).


Das Verschmelzen der Energien

„Tantra sagt: Shiva ist das Bewusstsein, und Shakti ist die Energie. Shiva und Shakti müssen sich vereinigen, sich gegenseitig unterstützen, um Erfüllung im Leben zu erfahren“. Satyananda Sarasvati

Ab einer sexuellen Vereinigung von etwa einer Stunde geschieht ein Phänomen, das durch die Dauer des Aktes ausgelöst wird: die Energien beider Körper schwingen auf einmal in der gleichen Frequenz. Der Effekt ist umso ausgeprägter und erfolgt schneller, je häufiger das geschieht. Aus einer tiefen Entspannung heraus (und nicht durch schweißtreibende Aktivität) geschieht ein kleines Wunder: aus zwei wird eins. Daraus entwickelt sich ohne weiteres Zutun ein Wir-Gefühl, also Liebe. Die beiden feststofflichen Körper verschmelzen auf der feinstofflichen Ebene und werden zur Einheit, sie kommen zum Ursprung zurück, wo alles Eins war.

Auf diese natürliche Art und Weise können wir tiefste Erfüllung und Liebe finden. Menschen, die ein sexuell befriedigendes Leben haben, sind glücklich, ausgeglichen und extrem friedlich. Ihnen genügt das So-Sein, das Spüren des Partners und die Verbindung zu ihm. Das ist wahre Glückseligkeit. Es entsteht überhaupt kein Drang nach Dingen, die im Außen liegen. Beide müssen nicht mehr irgendwo hin gehen oder irgend etwas erreichen… sie sind angekommen!

Das Gefühl des Einsseins ist eine fast mystische Erfahrung, die praktisch alle Menschen machen können. Und dieses Gefühl kann noch lange nach dem Liebesakt anhalten, oft sogar tagelang. Es ist ein Gefühl, als ob sich der ganze Körper geweitet hätte, eine schier unendliche Ruhe breitet sich aus, die zeitweise begleitet ist von intensiven Glücksgefühlen, die spontane Glückswellen auslösen.

Probier es aus! Mach beispielsweise mit deiner bzw. deinem Liebsten einen Liebesurlaub und vereinige dich ohne Ziel und große Aktivität mehrfach am Tag für mindestens eine Stunde – und lass die Verschmelzung geschehen. Du kannst diesen Prozess noch mit gemeinsamen Atemzügen unterstützen, sie passiert irgendwann automatisch und ohne weiteres Zutun. Erst dann, wenn du selber diese Erfahrung gemacht hast, erst dann WEISST du!

Und genau aus diesem Grund gibt Diane Richardson (eine der bekanntesten Tantra-Ikonen unserer Zeit und Autorin vieler hervorragender Sachbücher) den Paaren in ihren Seminaren in der Mittagspause die Aufgabe, sich eine ganze Stunde zu vereinigen – sie nennt es „stöpseln“. Es geht nicht um sexuelle oder lustvolle Aktivität, es geht nur um die Vereinigung an sich. Die Folge ist, dass die Zuneigung und Verbundenheit der beiden immer intensiver wird. Aus zwei wird eins…


Shiva und Shakti – die Plus und Minuspole

Betrachten wir einmal die beiden Wissenschaften Tantra und Taoismus, die sich in vielen Kern-Aussagen ähnlich sind. Mit Shiva und Shakti sind im Tantra zunächst die beiden Aspekte Shiva und Shakti gemeint, also Bewusstsein und Energie. Beide haben ähnliche Pendants im Taoismus, dort werden sie als Yin und Yang bezeichnet. Sie treten zwar immer getrennt auf, sind aber erst dann komplett, wenn sie Zusammenwirken. Sind beide im Einklang, dann nennen die Taoisten diesen Zustand das TAO. Erst durch die Vereinigung von Mann und Frau (im Tantra) bzw. dem energetischen Ausgleich (im Taoismus) mit der gegenpolaren Kraft werden sie ganz und zur Einheit. Tantra und Taoismus meinen also das Gleiche in ihren Kern-Aussagen.

Mann und Frau sind energetisch gegensätzlich, sie bilden die Plus- und Minuspole. Bei der sexuellen Vereinigung entsteht nach einer Weile ein Energiestrom und sie bilden im Zusammenspiel eine pulsierende Einheit – dann ist die Trennung auf feststofflicher Ebene aufgehoben. Zunächst fließt der Energiestrom vom Penis zur Vagina, von Plus zu Minus. Wenn nach einer Weile beide Polaritäten im Gleichklang sind, öffnet sich eine Art Ventil, und das Aufsteigen der Energie durch die inneren Energiekanäle kann beginnen – sie kann dann im Idealfall ohne weiteres Zutun im ständigen Kreislauf fließen.