Tantra – Der mittlere Weg oder Mittelpfad.

Im Tantra sprechen wir von zwei ewig existierenden Realitäten, von Shiva und Shakti. Shiva ist das Bewusstsein und Shakti ist die Energie. Wenn beide Kräfte sich vereinigen, dann sind sie im Einklang und Kundalini kann erwachen.

Buddha sprach vom „mittleren Weg“: bleib in der Mitte, gehe nicht nach links oder rechts. Er meinte damit alles Extreme. Rein materiell zu sein ist so extrem wie rein spirituell zu sein. Genau in diesem Sinne muss der Mensch das materielle und körperliche Leben mit dem spirituellen Leben verbinden, nur dann ist Evolution möglich. Weil aber die Menschheit diese Synthese nicht versucht, kann die Evolution des bewussten Menschen nicht voranschreiten. Stattdessen wurden zwei Bereiche geschaffen, den materiellen und den spirituellen. Wenn Du Dich nur mit dem materiellen Leben verbindest, wirst Du psychotisch, neurotisch und frustriert. Wenn Du das körperliche Leben ignorierst und ausschließlich spirituell interessiert bist, dann entsteht eine Blockierung. Deshalb sollte Dein spirituelles Leben im Einklang mit Deiner Natur und Deinem äußeren Leben sein.

Tantra umfasst das ganze Leben, es ist der Weg für das spirituelle Leben in der modernen Gesellschaft. Wenn er nicht danach lebt, entfernt sich der Mensch immer weiter von seiner Natur und schafft eine Gesellschaft mit Extremen. Wo beispielsweise Askese verlangt wird, entsteht zwangsläufig das andere Extrem: ein ausschweifendes Leben. Es muss also einen Mittelweg geben, durch den die Bedingungen der Gesellschaft und der Familie verbessert werden.

Tantra kann innerhalb des Familienlebens gelebt werden. Die sexuelle Verbindung zwischen Shiva und Shakti ist notwendig, um spirituell zu wachsen. Die Sexualität ist die stärkste Kraft im Menschen, und niemand ist im Stande dieser Ur-Kraft zu entsagen. Dieser Trieb ist im Körper, im Bewusstsein und im Unterbewusstsein, er drückt sich durch das Verhalten aus, und wenn nicht dort, dann in den Träumen oder in einem anormalen psychotischen Verhalten. Dieser Trieb ist immer da, Du kannst ihn nicht loswerden, egal wie sehr Du dagegen ankämpfst.

Also musst Du Deine Bedürfnisse respektieren, sonst bleibst Du dabei auf der Strecke. Tantra tut dies, einige tantrische Linien wie z.B. das Vamacara Tantra („rotes“ Tantra) haben die Sexualität sogar in hohem Maße kultiviert.

Das ursprüngliche Tantra benutzt viele verschiedene Methoden und Techniken, wobei die unterschiedlichen tantrischen Linien ihre eigenen Schwerpunkte haben. Die Wichtigsten:

  1. Nutzung der Sexualität als Katapult ins Sein. Der Mensch bekam die ersten flüchtigen Eindrücke von Erwachen – von Meditation – während des Sexualaktes. Das war der Moment der Erkenntnis eines Phänomens: beim Orgasmus verschwinden alle Gedanken, es stellt sich für einen Moment totale Bewusstheit ein. Auf einen Schlag sind wir völlig im Sein – kein Verstand, kein Gedanke, keine Kontrolle mehr… Glückseligkeit pur. Meditation hat seinen Ursprung im Sexualakt. Die Sexualenergie ist ein relativ einfaches Mittel zur Erreichung von Bewusstheit, weil sie jedem Menschen rund um die Uhr zur Verfügung steht.
  2. Mantras. Das Mantra ist im ursprünglichen Tantra ebenso wichtig wie die sexuelle Hingabe. Der Klang hat drei verschiedene Stufen, von denen wir nur den mittleren hören können. Ein Klang, der über oder unter einem bestimmten Bereich schwingt, ist nicht mehr hörbar, bei einer gewissen Frequenz ist er jedoch wahrnehmbar. Ein Mantra ist der unhörbare Klang. Durch ein Mantra wird das ganze homogene Bewusstsein berührt; die Klangwellen gehen nach innen. Es ist eine Form von mentaler Energie, sie hat die Kraft das gesamte Bewußtsein zu beeinflussen und neu zu gestalten.
  3. Yantras. Das sind wunderbare Figuren und Symbole der psychischen Struktur des Körpers. Sie entspringen von einem einzigen Punkt (Bindu). Es heisst, dass sich die gesamte Schöpfung aus Bindu entwickelt hat. Ein Yantra ist ein Symbol der Schöpfung, und wenn Du Dich zu dem Punkt zurückziehst, dann gehst Du zurück zum Ursprung der Schöpfung. Der Punkt ist ein Mandala, und im Tantra ist das Stirnchakra ein wichtiger Konzentrationspunkt. Bei der Konzentration darauf dehnt er sich aus und zeigt sich in vielerlei Formen. Das bedeutet Ausdehnung der Wahrnehmung.
  4. Asanas, das Tantra Yoga.
  5. Der Atem. Yoga arbeitet ebenfalls mit dem Atem, aber die Techniken unterscheiden sich grundsätzlich. Yoga will das Atmen systematisieren, das macht Dich gesünder. Im Tantra geht es aber darum, den Atem als Mittel zu nutzen, um in das Hier und Jetzt zu gelangen, das ist ein völlig anderer Ansatz.